Die Australierin Belinda Baggs hat sich in letzter Zeit zu einer Ikone des Loggings gemausert. Im Spätsommer war sie als Botschafterin für Patagonia auf Europa Tournee und dabei auch für einen Abend in Hamburg. Blue Redakteur Tom Frey hat die Gelegenheit genutzt um im Langbrett Laden in der Schanze mit ihr zu plaudern.

Belinda Baggs Patagonia Blue Magazine Interview

Blue: Wann und wie bist du zum Longboarden gekommen??
Belinda: Seit meinen frühesten Kindheitserinnerungen wusste ich, wie man surft. Ich glaube mein Vater hat es mir in ganz jungem Alter beigebracht, so dass ich mich gar nicht an die Zeit erinnern kann, als ich das erste Mal auf einem Surfbrett aufgestanden bin. Aber ich hatte eine Menge Probleme mit den Wellen und damit in rauer Brandung zu sein und entwickelte daher nicht wirklich eine Passion für das Surfen. Erst mit 14 habe ich dann angefangen regelmäßig auf Longboards und Shortboards zu surfen. Mit 20 bin ich dann nach Kalifornien gegangen und habe dort das erste Mal Leute schwere Single Fin Logs surfen gesehen und es war das, was meine Wahrnehmung des Surfens und was für Bretter ich surfen wollte veränderte. Ich wollte nun eine richtige Log Surferin werden.


Blue: Du mochtest also die “aggressive” Art des Shortboard Surfens nicht wirklich?
Belinda: Nun, das progressive Performance orientierte Surfen und das Wettkampf orientierte Drumherum fühlte sich nicht wirklich nach dem an, was Surfen für mich war. Erst als ich begann diese schweren Single Fin Logs zu surfen, bekam ich diese pure Verbindung mit der Energie der Welle und merkte, dass es auf diesen Wellen oftmals am meisten Spaß brachte, einfach nichts zu tun, einfach da zu stehen und es zu fühlen. Und für mich war das der Moment, als ich das erste Mal diese sehr echte Verbindung zum Meer und dessen Energie fühlte und das machte den Unterschied. Vorher war Surfen für mich Sport und nun begann ich es als Lifestyle und eine Art zu leben zu verstehen. Das Meer war nun ein Ort an den ich hingehörte und ich entwickelte eine echte Verbindung zur Natur.


Blue: Das habe ich schon öfters gehört, dass surfen in Australien vorrangig als Wettkampfsport angesehen wird.
Belinda: Ja, ich denke es ist eine Mischung. Es gibt Leute, die haben eine echte Passion dafür und das bringt sie immer wieder zurück ans Wasser. Aber ich denke die Australier sind von Haus aus sehr Wettkampf orientiert und jeder will den anderen ausstechen, so dass es sicherlich auch ein Sport ist.

Belinda Baggs Logging Style

Blue: Du hast also mit dem Logging in Kalifornien angefangen. Hast du dort von Anfang an Vorbilder oder Jungs / Mädels gehabt, denen du nachgeeifert hast?
Belinda: Ich glaube letztendlich war Joel Tudor surfen zu sehen die entscheidende Inspiration. Ich mochte einfach seinen Style auf der Welle und wie smooth er surfte. Er ist sowas wie mein heiliger Gral des Surfens und wenn ich mir aussuchen könnte wie ich surfen kann, es würde so sein wie er. Und das nicht wegen seiner Fähigkeiten auf dem Longboard sondern auch wegen seiner Fähigkeit diesen selben Style, Flow und die Finesse auf kürzere Bretter zu adaptieren wie Egss und andere alternative Shortboard Shapes. Das erlaubt es ihm einfach ganz unterschiedliche Arten von Wellen zu surfen. Es ist echt schwer ein Single Fin Log in größeren Wellen zu surfen. Aber er schafft es die Essenz seines Surfens in allen Arten von Wellen beizubehalten indem er einfach mit dem gleichen Style ein für die Bedingungen passendes Brett surft.
Aber ich denke, dass es darüber hinaus noch andere Leute gab, die mich wirklich inspirieren, Leute wie Dane Petersen, Jimmy Embola, Josh Farborough und im Großen und Ganzen die komplette Malibu Crew.

Blue: Also ist es der Style an sich, der dich motiviert, nicht nur die Wellen, sondern was man auf dem Brett machen kann?
Belinda: Ich denke es ist nicht so sehr das, was sie auf dem Brett machen, sondern mehr zu sehen wie sehr es ihnen Spaß macht und wo sie sich auf der Welle aufhalten und dass ich sehen konnte wie sie von einer guten Welle ihre Seele zum, ähm, erleuchten lassen. Ich habe nie einen ähnlichen Gesichtsausdruck bei anderen Menschen gesehen. Und ich bemerkte je öfter sie Noseriding machten oder sich mit den schweren Logs in kritischen Sektionen der Welle aufhielten, desto mehr spaß schienen sie zu haben. Ich wollte jetzt nie eine aufregende Surferin sein, es war nie so, dass ich nun einen Hang Ten machen musste oder richtig gut sein wollte. Es ging mir mehr darum mich auf der Welle zu positionieren und diese Manöver einfach deswegen zu probieren um zu sehen, wie es sich anfühlte. Ich denke es gibt sicher dieses „der hat guten Style und der hat schlechten Style“ aber für mich ist es mehr eine Kunstform, bei der alles sehr subjektiv ist und damit keiner besser als der andere. Für mich ist Style fast wie ein Ausdruck der Natur durch das lesen der Welle und dem, was von selbst darauf passiert.

Belinda Baggs Patagonia Interview

Blue: und für die Entwicklung deines eigenen Stils surfst du einfach Logs und versuchst herauszufinden, was möglich ist?
Belinda: Ziemlich genau so, ja, ich folge einfach dem Gefühl. Ich habe einen ganzen Sommer in Malibu verbracht. Ich konnte bereits ziemlich gut surfen, musste also nicht ganz am Anfang anfangen. Ich habe einfach nur meine Kenntnisse des Meeres und meine Fähigkeiten auf Surfboard auf eine andere Art umgesetzt. Ich verbrachte den Sommer dort mit Surfen und ich glaube, dass die Leute natürlich über Style reden und natürlich wollen die Leute gut aussehen. Man muss nicht verrückt mit den Armen wedeln und sowas, aber für mich ging es vor allem darum herauszufinden was sich gut anfühlte und was schlecht und es war ungefähr ein Jahr später als ich mich tatsächlich auf Film sah und dachte „damn, das tatsächlich sehe ich auf dem Brett viel besser aus als ich dachte“.

Blue: Du hast also ungefähr ein Jahr gebraucht bis du soweit warst einen Hang Five oder Hang Ten zu machen?
Belinda: Genau, es dauerte ungefähr ein Jahr bis ich es begriffen hatte und selbst jetzt habe ich den Eindruck, dass ich mich immer noch verbessere und noch so etwas wie den Grommet Blick auf das Surfen habe und das Gefühl habe von den anderen lernen zu können. Jeder hat seine eigenen Erfahrungen von denen man lernen kann und ich möchte mich weiterhin verbessern und dabei eifach das Meer genießen.

Blue: ist Malibu die am besten geeignete Art von Wellen um das Logging zu erlernen?
Belinda: Es ist eine richtig gute Welle für Logging. Ich habe den Eindruck, dass diese Welle sowas wie das Epizentrum für diesen Stil des Surfens ist. Die Welle befördert es wahrscheinlich so zu surfen und du hast so eine Art Schneeballeffekt wenn einer richtig gut darin ist und jemand anderes von dieser Energie profitiert und auf einmal hast du da diese Community von Surfern, die alle richtig gut sind in dem was sie tun. Und nun hat sich dies auf andere Surf Communities übertragen. Ich habe das sogar in kleinen Ecken wie Cornwall (Anm. der Redaktion: so sieht also der Blick der Australier auf unsere europäische Surfwelt aus) gesehen wo es eine ziemlich starke Logging Community gibt und aus der sich ein paar ziemlich gute Surfer entwickeln. Aus meinem eigenen Umfeld in Australien sehe ich ein paar phänomenale (Logging) Surfer die aus Bayron Bay und Noosa kommen und das ist deswegen so, weil die Wellen dort es ihnen erlauben, diesen Stil zu entwickeln.

Belinda Baggs Interview Patagonia Bluemag

Blue: Man braucht also eine spezielle Welle um den Logging Style zu entwickeln?
Belinda: Weißt du, ich bin an einem Beach Break aufgewachsen, ziemlich genau so wie ihr es wahrscheinlich habt. Es gibt dort keine zwei Wellen, die exakt gleich sind. Du verbringst die meiste Zeit deiner Session damit, herauszufinden wie du eine dieser Sections findest, die einen Noseride erlauben. Und dann fällst du rein und es kann zwei weitere Tage dauern bis du eine neue Chance hast, diese Section zu finden, auf der du es überhaupt versuchen kannst. Ich denke es macht einen großen Unterschied, wenn du Point Break Wellen surfst. Da hast du dann eine lange Wand vor dir und jede Welle, auch wenn sie nie exakt gleich ist, hat eine ähnliche Charakteristik. Du weißt, dass es eine seichte Section gibt und dann eine schnellere Section, der Swell kommt aus einer bestimmten Richtung und das ganze gibt dir eine Plattform um neue Sachen auszuprobieren. Und wenn du fällst paddelst du wieder raus und probierst es einfach nochmal. Ich denke der Lernfortschritt ist so wesentlich größer.

Norden Surfboards - Article Banner

Blue: Das sind keine guten Nachrichten für uns…..
Belinda: (lacht). Yeah, wenn es beim Surfen ausschließlich um Spaß geht, macht das nichts aus. Was mir aufgefallen ist, seit ich hier (in Europa) bin, ist dass die Leute wesentlich mehr Freude an der simplen Tatsache haben, dass sie am Meer sind und sich über jede Welle freuen.

Blue: Wahrscheinlich brauchen sie weniger, um Spaß zu haben.
Belinda: Genau.

Blue: hast du früher mal Ballett gemacht, oder Tanz?
Belinda: Nee, ich meine, als Kind habe ich meine zwei Jahre Bellett gemacht, aber um ehrlich zu sein war ich ziemlich ungeschickt und so habe ich mich dort nie wohl gefühlt und eigentlich habe ich keine wirklichen Erinnerungen daran und habe daher wohl nichts davon in mein Surfen eingebracht. Es war wohl mehr Filme anschauen und andere Surfer zu beobachten und zu sehen wie die das machen.

Blue: Aber das trainiert nicht deine Synapsen…
Belinda: Yeah, aber es trainiert deinen Geist indem du ein Bild davon bekommst, was du machen willst und daran orientierst du dich dann draußen. Ich denke wirklich, dass Surfen eine Menge Versuch und Irrtum für mich war. Versuche es. Funktioniert nicht? Versuche etwas anderes. Das funktioniert auch nicht? Probiere es nochmal. Wenn etwas halbwegs funktioniert, gehe dem nach und ändere Details bis du zu etwas kommst, dass sich gut anfühlt

Belinda Baggs Longboarding Bluemag

Blue: So machst du das also, du gehst nicht raus mit dem Vorsatz dieses oder jenes zu tun, sondern lässt es einfach passieren?
Belinda: Yeah, sicherlich gab es das, dass ich in Malibu raus gepaddelt bin mit dem Vorsatz “ich MUSS den Hang Five lernen” und “ich MUSS den Hang Ten beherrschen” weil ich fühlen will, was die anderen fühlen und es gab Zeiten, an denen ich an bestimmten Manövern gearbeitet habe, aber jetzt, und schon seit einer Weile – genauer gesagt seit ich mein Kind habe – geht es mehr um das Gefühl und darum zu genießen und das zu nehmen, was gerade da ist. Ich glaube ich schätze die kleinen Dinge des Surfens nun mehr, sei es ein simpler Cross Step, oder nur down the line zu schauen und es zu fühlen.

Blue: Ich habe gesehen, dass du nun auch kleinere Bretter surfst, allerdings auch welche mit den „klassischen“ Shapes…
Belinda: Yeah, ich habe es einfach nie geschafft ein Standard Thruster Surfboard zu surfen. Besonders wenn man von Logs kommt, fühlen sie sich einfach nicht richtig unter meinen Füßen an. Möglicherweise weil ich es nicht richtig mache aber ich denke, wenn man von Brettern mit so viel Volumen, wie ein Log es hat, kommt, noch dazu wenn es Single Fin ist, ist deine Technik ganz anders und macht es ziemlich schwierig, auf ein Standard 6 Fuß Thruster Board umzusteigen. Es ist nicht nur das geringere Volumen, sondern die Surf Technik, die du dir auf dem Log angewöhnt hast ist einfach völlig unterschiedlich. Aber ich wollte mich nie in die Schachtel sperren in der ich nur Wellen unter 2 Fuß surfe denn da gibt es so viel mehr da draußen. So habe ich jetzt einen ziemlich umfangreichen Quiver mit Brettern von 5.3 Fuß bis zu 10 Fuß. Aber keines davon ist ein Standart Thruster Shortboard. Einige Bretter mögen Thruster Finnen haben aber haben eine breitere Outline. Ich habe auch eine Menge Twin Fins, ein paar Quads und in letzter Zeit surfe ich eine Menge Single Fin Eggs, zum Beispiel einen 7 Fuß Double Ender Shape und ich habe den Eindruck, dass ich damit mit der gleichen Einstellung wie auf dem Log surfen kann, wobei die Bretter einfach besser manövrierbar sind und viel einfacher in größeren Wellen zu surfen.

Blue: Gibt es Bedingungen, die du am liebsten surfst?
Belinda: Alles was clean ist (lacht). Ich bin unter meinen Freunden bekannt dafür, alle Bedingungen länger zu surfen als alle anderen, ich erfreue mich also wirklich an allem, was reinläuft. Ich schätze, wenn ich wählen müsste, wäre ein rechter 2 Fuß Pointbreak mein Favorit, eine Welle, auf der ich lange Noserides machen könnte. Außerdem liebe ich seit kurzem Bodysurfen und dabei einfach draußen zu sein auf dem Meer und die Verbindung damit zu fühlen aber auch die Herausforderung. Ich habe in letzter Zeit öfters 6 bis 8 Fuß hohlere Wellen bodygesurft und bin jetzt super süchtig danach. Also wenn ich eine von den beiden Bedingungen eintreten bin ich nirgendwo anders zu finden, als da draußen.

Blue: Was ist der dickste Wetsuit, in dem du jemals gesurft bist?
Belinda: Ich habe einen Patagonia 4-3 mm mit Haube. Den habe ich getragen als ich in Vancouver gesurft bin. Ich habe ihn auch ein paar Mal beim bodysurfen benutzt, wenn man tiefer im Wasser ist und die Kälte etwas mehr fühlt. Aber sicher nichts Vergleichbares das ihr gewöhnt seid.

Belinda Baggs Bodysurfing

Blue: Hast du irgendwelche bestimmten Pläne für die Zukunft?
Belinda: Von hier aus geht´s erst einmal über Frankreich und San Sebastain in Spanien zurück nach Australien, wo ich I einer Woche wieder sein werde. Ich habe einen sechsjährigen Sohn und da nun der Sommer beginnt möchten wir einen Camper Van beladen und während der Wochenenden die australische Küste entlang cruisen. Das sind so meine kurzfristigen Pläne. Langfristig? Jeden Tag so nehmen, wie er kommt!
Mein Sohn ist das erste Jahr in der Schule und er liebt es und ist gerne mit anderen zusammen so dass ich denke zusammen mit all den anderen Kindern zu sein ist gut für ihn.

Blue: Aber für dich bedeutet das…
Belinda: Es bedeutet, dass ich nicht mehr so frei bin aber ich habe festgestellt dass es da eine Menge Gegenden in meinem Hinterhof gibt, die ich noch nicht erkundet habe. Es macht auch Spaß einfach in das Auto zu steigen und eine halbe Stunde die Straße runter zu fahren und sich den Weg einen steilen Hügel hinunter zu bahnen zu einem Strand, den ich niemals zuvor gesehen habe, weil ich so beschäftigt damit war nach Indo abzuhauen oder die Küste hinauf nach Noosa. Ich denke es gibt auch zuhause immer kleine Abenteuer zu erleben und man muss nur ein bisschen tiefer graben um herauszufinden wo sie sind.

Blue: Surft dein Sohn schon?
Belinda: Er fängt an ein bisschen Rucksack zu surfen und springt auf meinen Rücken und surft darauf mit mir. Gerade erst habe ich angefangen ihn auf der vorderen Seite des Bretts mitsurfen zu lassen, er liegt dann da und hält sich an der Kante fest. Er ist noch nicht wirklich soweit, dass er selber surfen könnte aber ich will ihn auch nicht drängen etwas zu tun, bevor er bereit dazu ist. Aber er liebt das Wasser und den Strand und ich bin glücklich damit!


Blue: Belinda, danke für diese Einsichten und viel Spaß noch in Hamburg!

 __________________________

Picture Credits:

Belinda Baggs
Jarrah Lynch
Tommy Schulz