36 Grad, Biarritz. Hätte Fernando Aguerre, Präsident der „International Surfing Association“ (ISA), eine Frisur, würde diese wahrscheinlich sitzen. Lässiges Hawaiihemd, leicht aufgeknöpft. Gelbe Sonnenbrille, rote Baseball-Cap. Ringe, selbstgemachte Halsketten. Ein richtiger Schmuckständer. Eben „einer von uns“, der den brasilianischen Sportminister im schwarzen Anzug gerade über das Dach des Casinos in etwas Schatten rettet. Es geht darum, auch in Strandnähe etwas Form zu wahren und Brasiliens sportliche Prioritäten im Hinblick auf 2020 unbedingt in ein gut akklimatisiertes Vieraugengespräch zu verlagern. Surfing zählt, spätestens nach olympischer Inklusion, immerhin zu den Paradesportarten des Landes. Nach König Fußball und unmittelbar hinter Beachvolleyball ist die einstige Kokosnusssportart nun reif und empfänglich für eine leistungssportliche Finanzspritze, die sich im olympischen Jargon Solidaritätsfond nennt. Dabei geht es den Machern der Sommerspiele in Tokio darum, neue Sportarten zu fördern, die die Olympischen Spiele vor dem Altersheim bewahren sollen. 40 Reformvorschläge für die größte Evolution des olympischen Programms in der modernen Sportgeschichte. Jung und Hip sollen sie werden, nachdem eine Studie gezeigt hat, dass der durchschnittliche Olympiazuschauer 50 Jahre alt ist. Der durchschnittliche Surfer hingegen 15 bis 25 und ein durchschnittliches IOC-Mitglied (nach einer Obergrenzenreform von 70 Jahren) zarte 63,5 Jahre. Seit seinem Amtsantritt im Jahr 1994 nervt Fernando Aguerre einen IOC Präsidenten nach dem anderen mit der strategischen Inklusion des Wellenreitens in das olympische Programm und kann, zusammen mit seinem Geschäftsführer Bob Fasulo, als Held oder Initiator dieser Entwicklung gefeiert oder verantwortlich gemacht werden. Der Gründer, Geschäftsführer und Verkäufer der Surfmarke „Reef“ ist eigentlich ein Mann des Volkes: Leidenschaftlicher Surfer seit seinem 11. Lebensjahr und aktiv bis heute. Und dennoch begrüßt Aguerre in diesem Jahr 254 Starter aus 47 Nationen zur ersten Weltmeisterschaft im olympischen Zyklus, mit einer Rede, die klingt wie auswendig gelernter Surf- Spirit. Wie Ausverkauf. Wie Mainstream. Wie offen zugänglich und für jedermann erhältlich. Also alles, wovor sich eine naturbedürftige Actionsportart in ihrem Innersten fürchtet. Surfkultur ist von einer rigiden Sensibilität bestimmt, die hinter lässiger Fassade einer bizarren Ansammlung altmodischer Regeln folgt. Ein besonderes Vokabular benutzt und von feinen Nuancen gezeichnet ist, die man sich über die Zeit aneignet hat und selber dekodieren muss. Stunde um Stunden, Tag für Tag, Jahre!, die man im Onshore-Mist auf eine Welle wartet. Bescheuert, aber Actionsportler widmen ihr Leben der Freude einer in sich geschlossen Bescheuertheit. Einer Gruppe, ihren Gesetzen und Gezeiten. Pathos für 27 Nationen mehr als im Vorjahr. Begeistert durch Perspektive in gleichfarbigen Trainingsanzügen, die von einem olympischen Wind durch die Straßen von Biarritz getrieben werden. Hoffnungen und Ängste von Generationen im Schicksal einer Sportart. Alles „For a better Surfing Future“. Aber war die Vergangenheit so schlecht? Ist Skepsis berechtigt oder Kritik einfach gerade so angesagt und trendy? Sind die Hoffnungen noch zu halten oder platzt alles in einem unspektakulären Luftschloss, das sich Realität nennt? Spekulationen, um die Folgen und Befürchtungen unserer geliebten Randsportarten. Sponsorenverträge mit der sportlichen Seite einer Leidenschaft, die aus Rebellion geboren wurde. Skateboarding ist kein Verbrechen mehr und Surfing noch nie eins gewesen, aber bis hierher konnten wir alles sein, was wir sein wollten. Jetzt nähern sich die schwarzen Anzüge der Wasserkante und fest steht: Olympia steckt in der Krise. Wir nicht!

Olympia steckt in der Krise. Wir nicht!

Surfing schreibt, wie fast alle Action-Sportarten eine sehr eigenwillige Geschichte, die zu einer noch eigensinnigeren DNA geführt hat. Sportlichen Wettkampf auf Wellen gibt es seit fast 50 Jahren und Kommerzialisierungsprozesse sind eingetreten, lange bevor Menschen Kaviar, Korruption und das viele Geld fürchteten. 2008 rettete Olympia die Sportart BMX vor dem Ruin und erntete nicht zuletzt dafür 2012 in London die höchsten Einschaltquoten. Im Snowboarding kann seit der olympischen Premiere 1998 kaum noch ein Athlet von Preisgeldern leben und die Sportart leidet bis heute unter den Spätfolgen des olympischen Fiebers, das sie damals gepackt hat. Zerkratztes Image, Spaltung und undurchlässige Verbandswillkür. Nicht zu vergessen, „die moralische Strahlkraft“ olympischer Werte: Lobbyismus, Veruntreuung und dem Gegenteil der Nachhaltigkeit. Immerhin wächst in Rios Olympia- Ruinen der Löwenzahn durch die Milliarden. Die Frage ist, sollten wir uns aufgrund dieser Entwicklungen zu Parallelen verleiten lassen – uns darauf einstellen, dass weiße Westen heutzutage einfach mit ein paar Flecken getragen werden, um im Trend der Entwicklung nicht ganz stehen zu bleiben? 

„Snowboarding war damals in einer völlig anderen Situation als Surfing. Die Sportart war noch sehr jung, geleitet von einem prekären und schwachen Verband. Surfing hingegen blickt auf eine lange und gefestigte Geschichte zurück, die von anderen Organisationen getragen wird. Wir gehen zu den Olympischen Spielen, ohne uns dafür verstellen zu müssen. Was die ISA heute ist, war sie schon vor 20 oder sogar 50 Jahren.“ – Fernando Aguerre

Fernando Aguerre 2 Praesident Isa Foto Konstantin Arnold
ISA Präsident Fernando Aguerre.

Fernab olympischer Verschwörungstheorien und Spekulationen lohnt ein Blick in Prozesse, die nationale Dachverbände im Zuge olympischer Subventionen gegenwärtig erfahren. Der „Deutsche Wellenreitverband“ (DWV) ist der „Zusammenschluss aller an der Förderung und Ausübung von Brandungs-Surf-Sportarten interessierten Vereinigungen in Deutschland“ und dadurch unmittelbar von diesem sportpolitischen Tornado betroffen.

90 Prozent der Fördergelder fließen, in der Theorie, vom IOC über die „International Federations“ (IFs) an die Nationalen Olympischen Komitees, die die Förderung, je nach Computer-errechneter Medaillenwahrscheinlichkeit, auf die nationalen Dachverbände aufteilen. Und das tun sie zum Groll der Kritik sogar in der Praxis. In Form von Leistungssportzuschüssen, die Surfing direkt um einen niedrigen sechsstelligen Betrag leistungssportlicher werden lassen. Nach Aussagen des Verbandes sind diese Gelder bestätigt und bereits überwiesen. In diesem Fall bezieht sich die Unterstützung, als Teil der neuen Sportarten für Tokyo, vorwiegend auf den Solidaritätsfond, da der Verband für eine Grundförderung zum jetzigen Zeitpunkt nicht genügend Mitglieder aufweisen kann und sich in Sachen Sportförderung auf bürokratischem Neuland bewegt. Philipp Kuretzky, Präsident des Deutschen Wellenreitverbandes, betont am Vortag seines Besuchs im Sportausschuss des Deutschen Bundestages, dass es jetzt darum ginge, den Verantwortlichen klarzumachen, welche besondere Rolle die Sportart Wellenreiten im „Deutschen Olympischen Sportbund“ einnehme. Es ginge darum, umzudenken, ein Bild zu vermitteln und sich auf die Besonderheiten dieser Sportart einzustellen, da eine strikte deutsche Sportförderung diese Spielräume kaum zuließe.

Das Deutsche Team Foto Konstantin Arnold
Das Deutsche Team bei den ISA World Surfing Games in Biarritz.

Der DWV im sportpolitischen Tornado.

Thema Knechtschaft! Wer stellt die Forderungen? Muss sich Surfing in diesem Tauziehen als aalglatte Schwiegersohn-Sportart präsentieren oder liebt uns der „Deutsche Olympische Sportbund“ (DOSB) so, wie wir sind? Mit all unseren Fehlern, all unserer Pracht? Fakt ist: Olympia braucht Surfing mehr, als Surfing Olympia, und ein aufgezwungenes Korsett stand noch keiner Sportart wirklich gut. Wichtig zu sehen, inwiefern sich die eingereichten Formatvorschläge der einzelnen Landesverbände berücksichtigen lassen und dabei helfen, die Spiele 2020 zu „Spielen der Athleten werden zu lassen“, so wie es IOC Präsident Thomas Bach fordert. Bleibt die Hauptrolle im Schauspiel zwischen IOC, Verbänden und Institutionen nicht bei den Sportlern selbst, steht zumindest das Professionelle im Wellenreiten vor Problemen, die langfristig wirklich unter die gut gebräunte Haut gehen könnten.

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„Durch den Solidaritätsfond sind wir in der Lage, in Ländern wie Brasilien nicht nur die besten Surfer zu fördern, sondern auch jene, die es werden könnten, sich den teuren Wettbewerb des professionellen Wettkampfsurfens jedoch nicht leisten können. Für uns gibt es eben nicht nur drei, vier reiche Surfnationen, die die Welt mit Top-Surfern versorgen können.“ - Fernando Aguerre

Noch einmal zurück auf die Dachterrasse in Biarritz, von der aus man den ersten Vorgeschmack Olympischer Surfspiele gut überblicken kann. Puerto Rico tritt gerade gegen Senegal, Israel und Japan an. Unten die Fans, oben auf der Dachterrasse Medienvertreter und Männer, die sich in schwarzen Anzügen um Kopf und Kragen schwitzen. Somit hätten wir den integrativen Aspekt friedlicher Völkerverständigung geklärt, obwohl jedes Land über eigene, voneinander abgetrennte Teamzelte verfügt. Für den Weg zum Strand gibt es je nach Terrorgefahr und Berühmtheit des Athleten von der ISA zur Verfügung gestellte Security. Vielen Startern steht die stolze Begeisterung für Teamwettbewerbe in gleichfarbigen Trainingsanzügen in das Gesicht geschrieben. Immerhin weiß man in vielen Ländern mit „Nationalteam“ im Wort Surfing sogar endlich etwas anzufangen. Trainingslager, Bundesadler, die Chance auf Medaillen zu beißen und eine olympische Perspektive. Sportlich gesehen scheint Surfing bereit. Auf professioneller Ebene ist seit Jahren mehr Platz für Athleten, als nur natürlich talentierte Individuen. Die Zeiten, in denen Interviews mehr getan haben, als Sponsoren zu danken, sind vorbei. Zeiten, in denen man auf Dopingtests verzichten konnte, weil sonst ein Großteil der „World Surf League“ nicht mehr teilnahmeberechtigt gewesen wären, auch. Wie viel trennt uns noch von dem, was wir so fürchten? Und warum empfinden wir monetäre Synergieeffekte immer als direkte Bedrohung? Mehr Olympia heißt mehr Reichweite. Mehr Reichweite -mehr Konsumkapital, mehr Werbung, mehr Geld für Sponsoring von Talent, mehr Anzüge in Strandnähe und Finanzierungsmöglichkeiten aus öffentlicher Hand. Im besten Falle!

Fernando Aguerre Haende Praesident Isa Foto Konstantin Arnold
,,Wer eine Hand hat, hat sie schon im Spiel.'' - M. Hinrich

Der Sport oder Olympia? 

Olympia ist jedoch auch Drehbuch für investigative Blockbuster und narkotisierte sportliche Ideale, die noch darauf warten, wieder belebt zu werden. Olympia ist auch eine Organisation, die dynamische Sportarten mit der größten Ehre lockt, die ihrem Wettkampf zu teil werden kann. Sie endlich adelt: Endlich erwachsen. Endlich olympisch! In Abhängigkeit. Amen! Sie auspresst wie junge Nektarinen, zum Preise von Traditionssportarten wie Ringen, das aufgrund sinkender Popularitätswerte (oder aus welchen Gründen auch immer) urplötzlich nicht mehr von olympischem Interesse sein soll. Was, wenn sich das Projekt Tokyo als Eintagsfliege herausstellt, Surfing und Olympia danach wieder getrennte Wege gehen? Werden sich die Sponsoren unserer Sportart zurückziehen, weil nichts mehr von dem übrig geblieben ist, weswegen sie gekommen sind? Oder wird alles weitergehen, als ob nichts gewesen wäre? Nur ein kurzer Traum, in dem Surfing kurz vergaß, was es im Inneren eigentlich ausmacht? Skateboarding konnte sich diese vorlauten Zwischenrufe aus der letzten Reihe bis hierher bewahren. Diesen Freiheitsdrang, diese Unbändigkeit vom heimischen Skatepark bis auf das glitzernde Parkett der „X-Games“. Umso herzzerreißender.

„Die Leute glauben, dass jeder, der nach Tokyo fliegt, direkt eine Million Dollar erhält. Das ist nicht der Fall. Wenn das IOC nach den Spielen entscheidet, Surfing aufzugeben, werden wir immer noch dieselbe Sportart sein. Die ISA ist nicht von Olympischen Geldern abhängig. Glaubt man an den Sport oder an Olympia? Den Athleten oder den Aparat drum herum? Das sind zwei verschiedene Dinge, wie die Kirche und Gott.“ – Fernando Aguerre

Motivationseinstimmung Vor Dem Heat Foto Konstantin Arnold
Motivationseinstimmung vor dem Heat.

Der heilige Gral.

Die ISA ist aber nicht Surfing, nicht „alles, was wir sein wollen“ und steht hinter den Slogans und Werbebannern unter spürbarem Druck. Immerhin muss sie sich mit den ersten Weltmeisterschaften im olympischen Zyklus von der allerbesten Seite zeigen. Nur wer genau ist diese „allerbeste Seite“?

Die Wächter des heiligen Grals, die versuchen, den Spirit unserer geliebten Randsportarten vor dem Rest der Welt fernzuhalten, weil sie sich mit einer Vergangenheit verbunden fühlen, die wir vielleicht gar nicht selbst erleben durften? Oder eines der Nationalteams, das sich ohne olympische Förderung kaum den Hinflug zu den diesjährigen Weltmeisterschaften hätte leisten können? Alle, die diese Sportart aufgrund ihrer Vereinslosigkeit lieben oder die Mitte zweier Extreme, zwischen Pro und Contra, wo es sich bekanntlich am allerschwierigsten aushält? Dann die Gefahr von Fehldarstellung? Ich weiß! Wichtig ist, dass Surfing im Olympischen Umfeld so navigiert wird, dass es in authentischer Art und Weise genau das repräsentiert, was es ist: Individuelle Auslegungssache. Oder fürchten wir eigentlich nur, dass eine Sportart zugänglicher gemacht wird und ihr durch weniger Nische die Coolness aus den Achseln gleitet?

„Ich bin weder blind noch tot! Ich höre, lese und respektiere die Meinungen der Leute. Aber manchmal macht der geringere Teil einer Gruppe den größeren Lärm. Wenn 100 Menschen dafür und drei dagegen sind, muss man das in Relation zueinander setzen und von etwas Gegenwind nicht direkt auf einen Hurricane schließen. Du fürchtest, dass Surfing an Coolness einbüßt? Entschuldige, dann betreibst du diesen Sport aus den falschen Gründen! Dir passt Olympia nicht? Okay, dann schalte einfach nicht ein. Was mir vor dem Einschlafen ein gutes Gefühl gibt, ist, dass wir mit unserer Arbeit einen Mehrwert für Surfer schaffen, eine Ebene neuer Möglichkeiten zur Sportart hinzufügen, ohne dabei eine andere Ebene zu verändern oder sogar zu ersetzen. Für mich hat sich am grandiosen Gefühl, morgens nach einer Surfsession aus dem Wasser zu kommen, rein gar nichts geändert!“
– Fernando Aguerre

Der Letzte Heat Des Tages Foto Konstantin Arnold
Der letzte Heat des Tages...

Fernando Aguerre wirkt überzeugend. In Hawaiihemd und Blumenkette, die seine Frau angefertigt hat. Immerhin einer von „uns“ gegen 115 IOC-Mitglieder, die sich nach seiner Auffassung noch alle an ihre sportliche Herkunft erinnern können. Mit der Eindringlichkeit seines unbezahlten Präsidentenamts und der Stimme eines argentinischen Sägewerks könnte man glauben, hier spräche ein Vater – ein Mittelweg, der seinem Kind und Harmoniebedürfnis mit einem unhaltbaren Versprechen die Angst nimmt.

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Text & Bild: Konstantin Arnold