Im Nachhinein kann keiner so genau sagen, wie wir darauf kamen, den Sylter Winter-Blues ausgerechnet im südchinesischen Meer auszubaden. Dauerflaute, Youtube, Google Maps und Magicseaweed. Irgendwie so...

Fishing Village Hainan China

Beim Anflug auf Haikou drehten wir eine Ehrenrunde für einen Ersteindruck im Panorama-Format. Aus der Luft wirkt Hainan, als wäre jemand bei Sim-City ausgerastet: Beton und Asphalt wuchern über die tropische Idylle. Sattes Grün gegen grelles Neon, Palmen gegen Parkhäuser, Natur gegen Fortschritt. Fortschritt, der sich sofort auf Haut und Atemwege legt, sobald man aus dem Flieger steigt. Mit tränenden Augen und verstopfter Nase stiefelten wir über den Flughafen, auf der Suche nach dem direkten Weg ans Meer.

Hainan China Bus Stop

Wir fanden ihn nicht. Das China der Moderne ist eine rasante, vom Individualismus geprägte Gesellschaft. Wer trödelt, wird gnadenlos übergangen. Diese Lektion wurde uns in den ersten Stunden bereits eindrucksvoll erteilt. Wir hangelten uns von einem Missverständnis zum nächsten, blieben mit einem Fernbus auf dem Highway liegen und zuckelten schließlich in zwei hoffnungslos überfüllten Taxis stundenlang durch den Dschungel.

Ursprünglich ein Exil für in Ungnade gefallene Staatsdiener, wurde Hainan 1988 zur eigenständigen Provinz und Chinas größter Sonderwirtschaftszone erklärt. Damit wurde ein finanzpolitischer Senkrechtstart eingeleitet, dessen Rückstoß die gesamte Insel mit exzessivem Nobelhotel-Wachstum, Golfplätzen und Korruption überzog. Davon bekommen die meisten aber nichts zu sehen.

Ghost Hotel China

Im Gegensatz zu unser Chaos-Tour, werden die Großstadt-Pauschalurlauber in Premium-Bussen über Marmor-Straßen, gesäumt von akribisch gepflegten botanischen Gärten, zum jeweiligen Hotelkomplex gekarrt. Man lässt sich bereitwillig auf die Inszenierung ein, biegt nicht falsch ab, schaut nicht hinter die Kulissen. In stillem Einverständnis klappen die Gäste ihre Urlaubs-Scheuklappen aus und stellen die wackelige Fassade gar nicht erst in Frage. Ein Live-Preview unser nicht allzu fernen Zukunft? Die Beton-Flut überzieht ganze Landstriche und gut die Hälfte der überdimensionalen Bauprojekte verkommt zu verlassenen Ruinen. Der Fortschritt wird auf Hainan als dystopische Materialschlacht ausgefochten.

Hainan China Beach Scene

Und mittendrin: Riyue Bay. Ein ehemaliges Fischerdorf, das trotz der World Longboard Champs außerhalb des touristischen Wahrnehmungsbereichs der Chinesen liegt – Eine echte Ruhe-Oase in diesem inselgewordenen LSD-Trip. Als wir endlich ankamen, war der Contest-Zirkus gerade vorüber und der Alltag pendelte sich bei Normalnull ein. Von Hektik keine Spur. Smogfreies Durchatmen, tiefenentspannte Locals und ein vielversprechender Forecast erleichterten die Wartezeit, die wir uns in der windschiefen Bruchbude des lokalen Surf Clubs um die Ohren schlugen.

Surf Club Hainan China

Was für ein Laden! Die meisten Gespräche mit den Locals liefen über eine nicht ganz sattelfeste Übersetzer-App. Was wir uns letztendlich zusammenreimten, ist symptomatisch für die Situation in China und lässt sich in etwa so übersetzen: Ein kleines Fischrestaurant erregte durch Erfolg die Aufmerksamkeit der Bezirksregierung und wurde prompt auf Regionalliga-Stadiongröße erweitert. Die Neuausrichtung bekam der Atmosphäre nicht wirklich, weshalb die Kundschaft ihre Kugelfische anderswo verspeiste. Investoren, Bauherren und Grundbesitzer waren sich zumindest darin einig, irgendwie betrogen worden zu sein. Weitere Annäherungsversuche verliefen im Sand, bis von der Halle schließlich nur noch die Stahlträger übrig waren. Mit dem neuen Panorama-Blick auf den Point wurde das Konstrukt für den Hainan Surf Club interessant, die das sinkende Schiff übernahmen und wieder (halbwegs) seetauglich machten. Als die Regierung Wind davon bekam, dass die World Surf League mit ordentlich Kohle und Medienreichweite im Gepäck jährlich in Riyue Bay die Zelte aufschlägt, flatterte dem Surf Club ein Beschlagnahmungsbescheid durch die fiktive Vordertür. Ihr Präsident machte seinem Ärger auf dem chinesischen Facebook-Abklatsch WeChat Luft und handelte sich damit ein Dauerabo auf plötzliche Stromausfälle ein. Seitdem spielen die Politiker regelmäßig an den Sicherungen, und die lokalen Surfer kontern mit Gaslampen und Gelassenheit.

Kima Surf Article Banner

Hainan Breakfast Point

Wir saßen also bei einem Anchor-Beer im wieder mal dunklen Hauptquartier und verzweifelten am Versuch, die Fäden der Lokalpolitik zu entwirren. Aber wie Konfuzius schon sagte: Mach den Hund in der Pfanne nicht verrückt. Also wechselten wir bei der erstbesten Gelegenheit das Thema auf’s Wesentliche: Ghosthotels ist ein mittelmäßig gehütetes Geheimnis und die wohl beste Welle im südchinesischen Meer – was zugegebener Maßen nicht viel wert ist. Aber der linke Point gleicht an guten Tagen einer spiegelverkehrten Version von Sandspit. Mit Entsetzen mussten wir uns anhören, dass diese Tage wohl gezählt seien. Die Geisterwelle gibt’s schon länger nicht mehr. Dafür aber eine künstliche Insel mit russischem Nobelresort. Direkt neben einer natürlichen Insel, doch wer gibt sich schon mit sowas ab, wenn man gleich ganze Küstenstriche umformen kann. Sandbank futsch und mit ihr unser Traum nach menschenleerer Point-Perfektion.

Hainan Beachbreak Perfection

Hainan China Beachbreak Tube

Auch die Swells folgen hier ihrem eigenen Rhythmus. Eine Woche Onshore-Flaute mit Wokpfannen-Hitze, gefolgt von einer Woche Dauerbewölkung, arschkaltem Offshore und Wellen mit erstaunlich Druck. Während der Point gemächlich vor sich hinschwabbelte und sich nach dem hundertsten Cutback die Monotonie in den Beinen bemerkbar machte, blitzten ein paar Paddelzüge entfernt in unregelmäßigen Abständen astreine A-Frames auf. Die Ausbeute war minimal, die Abreibungen dafür umso härter. Jede Welle am Rande des Closeouts, aber wenn’s mal lief, dann richtig. Aufwärmen in den ewig langen Linken, dann vom Beachbreak in den Boden gestampft werden, zwischen durch ’ne Portion Reis und eine Runde Chinesen-Schach (Die Sekretäre müssen den General vor den gegnerischen Kanonen verteidigen und der Elefant darf nicht über den Fluss!). Mit der Routine ließ es sich aushalten.

Hainan Surf Chill

Hainan Spot Check Solitude

Auch wenn es nicht im Ansatz das war, was wir gesucht oder erwartet hatten – Über die Alternative konnte man nicht meckern. Damit ist zu den Wellen aber auch schon alles gesagt. Insgesamt gibt’s für Surfer kaum einen Grund, sich hierher zu verirren. Die Anreise könnte beschissener nicht sein, günstig ist es auch nicht wirklich, und ohne Chinesisch-Kenntnisse braucht man entweder Nerven aus Stahl oder ordentlich Galgenhumor.

Snapseed 2

Stattdessen wird einem Zutritt in eine völlig skurrile Welt gewährt, deren Menschen einen verwundert, aber herzlich empfangen. Selten habe ich mich gleichzeitig so fehl am Platz und doch willkommen gefühlt. Allen, die einen Blick in die vermeintliche Zukunft wagen wollen, wird einiges geboten. Reizüberflutung wird hier zur Kunstform erhoben. Für den Smog in den Großstädten braucht man im Prinzip eine Machete und Privatsphäre ist bei der Populationsdichte ein Luxus, den sich niemand leisten kann. Dafür gibt’s täglich interessante Begegnungen.

Snapseed

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Der Betelnut-Verkäufer zieht unermüdlich seine Bahnen entlang der Hauptstraße, vorbei an verlassenen Reihenhäusern, gestrandeten Fischerbooten und der Hochglanz WSL-Baracke. Er lächelt sein zahnloses Lächeln, winkt uns zu sich und schmeißt ’ne Runde. Feierlich werden die unreifen Nüsse zerkleinert, in Betelpfeffer-Blätter eingerollt und mit gelöschtem Kalk garniert. Das Gemisch wirkt irgendwie betäubend, leicht euphorisierend und hinterlässt einen hartnäckigen Nachgeschmack. Insgesamt also durchaus vergleichbar mit unserem Monat auf dieser Insel...

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Foto-Credits

Blaffi