Dieser Artikel erschien im aktuellen Blue Yearbook 2019. Gedruckt liest es sich immer noch am besten. Hier könnt ihr eines der letzen 164 Seiten schweren Magazine bestellen.


Im liberischen Robertsport befreit sich eine verloren geglaubte Generation vom Schatten der Vergangenheit. Auf der Suche nach der eigenen Identität, wagen die ehemaligen Kindersoldaten einen hoffnungsvollen Neuanfang in der wachsenden Surf-Community der Cape Mount Bay.

Das Empfangsschild hängt schief an der Veranda des verfallenen Plantagenhauses am Ortseingang des kleinen Küstenortes. Kaum leserlich und von Rost überzogen steht da: „Welcome to Robertsport – The future starts now“. Ein Überbleibsel des Optimismus vergangener Tage. Die Hoffnung auf die Blütezeit Westafrikas, beflügelt vom touristischen Aufschwung der Siebzigerjahre, versank 1989 jedoch in unvorstellbarem Elend. Über zwei Jahrzehnte Bürgerkrieg erschütterten Liberia und hinterließen tiefe Spuren in der Gesellschaft. Auch die Einwohner des abgelegenen Fischerdorfs im Nordwesten des Landes wurden mitgerissen, denn die unmittelbare Nähe zur Grenze Sierra Leones machte Robertsport zu einem strategisch wichtigen Ziel verfeindeter Fraktionen. Der moralische und seelische Verfall einer Nation im dauerhaften Ausnahmezustand dominierte die internationalen Schlagzeilen und brannte sich besonders mit den schrecklichen Bildern von Kindersoldaten in unsere kollektive Wahrnehmung ein. Doch die Zeit ist an diesem Tiefpunkt nicht stehen geblieben. Sechzehn Jahre nach Kriegsende ist Liberia bereit für neue Geschichten voller Hoffnung. Ein wichtiges Kapitel wird nun in Robertsport geschrieben - ausgerechnet von der verloren geglaubten Generation der Kindersoldaten.

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Surfcheck in Robertsport: Sechzehn Jahre nach Kriegsende sind die Mahnmale der Vergangenheit ein guter Ausguck, um die Wellen im Auge zu behalten. 

Nach Jahren auf der Flucht vor der Gewalt und sich selbst, machten sich viele der entwurzelten Kinder auf den Weg zurück in ihre Heimat. Einer der Rückkehrer war Alfred Lomax, der in der tropischen Idylle nach ein wenig Normalität im Alltagswahnsinn der Nachkriegszeit suchte. In den menschenleeren Lineups der Cape Mount Bay fand er seine Leidenschaft fürs Wellenreiten, zuerst auf einem alten Bodyboard und später auf dem zurückgelassenen Brett eines Entwicklungshelfers. Der Funke sprang auf weitere Nachwuchssurfer über und schon bald formte sich eine eingeschworene, kleine Community. Der preisgekrönte Film „Sliding Liberia“ dokumentierte Alfreds inspirierende Geschichte und das ungeahnte Potential seiner Homespots. Robertsport liegt 100 Kilometer nordwestlich von Monrovia. Eine einzige Schotterpiste schlängelt sich durch dichten Regenwald, entlang Palmölplantagen und am Lake Piso vorbei, bis sie schließlich einem atemberaubenden Setup Platz macht: Eine Tiefseerinne im Zentrum des Atlantiks, der Romanchegraben, filtert die ungebremste Dünung in das Sierra Leone Becken. Hier zieht die nach Südwesten ausgerichtete Küste der Cape Mount Bay die langen Groundswells magnetisch an und fächert sie entlang der fünf längsten linken Pointbreaks Westafrikas. Über 300 Tage im Jahr spulen die flachen Sandbänke ihr mechanisches Programm ab, während sich unweit der Wasserkante die Natur langsam aber sicher zurückholt, was ihr gehört und die letzten Mahnmale der Bürgerkriege überwuchert. Der Schatten der Vergangenheit liegt trotzdem weiterhin auf dem Fischerdorf. Aufgrund der brachliegenden Infrastruktur und des hartnäckigen Stigmas, ist die lokale Gemeinschaft größtenteils auf sich allein gestellt.

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Liberia hat immer noch viel zu überwinden, doch die Geschichte des Neuanfangs der Kinder von Robertsport setzt einen wichtigen Impuls.

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Doch die liberianische Jugend ist mutig und treibt eine erstaunliche Veränderung in Robertsport voran. Was 2005 mit Alfred Lomax begann, ist inzwischen zu einem Zufluchtsort für über 50 Kinder und Jugendliche aus der Umgebung geworden. Die wachsende Surf Community bietet gezielte Maßnahmen zur Reintegration der Kriegsopfer. Die Zeit im Wasser befreit, zumindest für einen Augenblick, von den schweren Gedanken an die Vergangenheit und der gemeinschaftliche Zusammenhalt verschafft Perspektive. Da sich über Jahre kaum reisende Surfer in diese Gegend verirrten und Surfshops ohnehin in weiter Ferne sind, ist die Anzahl der verfügbaren Bretter begrenzt. Genau genommen sind es zehn, also surft man im Schichtbetrieb, teilt sich Boards und Wellen. Unter dem riesigen Kapokbaum vor Shipwreck’s Point reihen sich dann die Wartenden auf und feuern die Crew im Wasser an. Der Nachwuchs kommt selbstverständlich nur nach Schulschluss an ein Brett, wird dann aber von der ersten Generation unter die Fittiche genommen. Aus dem einst heiß umkämpften Rebellenstützpunkt in der Cape Mount Bay ist der Geburtsort der liberianischen Surfkultur geworden.

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Als eine der letzten unerschlossenen Küstenregionen der Welt, sucht die Cape Mount Bay ihresgleichen.

Die Amerikaner Sean Brody und Daniel Hopkins erkannten die Zeichen der Zeit und gründeten mit dem Kwepunha Retreat das erste Surf Resort Liberias. Das Surfcamp ist gleichzeitig Zentrale für Entwicklungshilfe, bietet Arbeits- und Ausbildungsplätze und fördert die Akzeptanz des Surfens auf lokaler Ebene. Es werden Surflehrer- und Rettungsschwimmerkurse, Beachcleanups und die jährlichen Liberian Surfing Championships organsiert. Gemeinsam wird so eine Grundlage für nachhaltigen Tourismus geschaffen, die mit jedem herzlich willkommenen Gast wächst. Und mit jedem Surftrip nach Liberia mehren sich die Berichte von sagenhaften Pointbreaks und einer Erfahrung die einer Zeitreise in die „Morning of the Earth“ Ära der Siebzigerjahre gleichkommt. Als eine der letzten unerschlossenen Küstenregionen der Welt, sucht die Cape Mount Bay ihresgleichen. Jahr für Jahr und ohne Eile entsteht so etwas Magisches in dem abgelegenen 4000-Seelen Dorf. Was Alfred Lomax und seine Generation hier auf den Trümmern des liberischen Traumas aufgebaut haben, grenzt an ein Wunder: Ihre Heimat steht am Beginn einer spannenden Entwicklung zum international angesagten Reiseziel als Weltklasse Surfspot. Liberia hat noch immer viel zu überwinden, doch die Geschichte des Neuanfangs der Kinder von Robertsport setzt einen wichtigen Impuls: Nie zuvor war die Hoffnung auf die verloren geglaubte Zukunft so greifbar wie heute.

„Welcome to Robertsport – The future starts now“.

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Come for the waves, stay for the people!

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Credits

Video: Hand Studio

Images: Damien Castera & Arthur Bourbon

Words: Jan Blaffert