Ein Interview aus dem aktuellen BLUE Yearbook - von Stefan Heinrich

Machen, nicht immer nur reden! Egal, welche Herausforderungen das Leben gerade bereithält. Ein Leitsatz, den Familie Steingässer in seiner reinsten Form lebt. Sie machen und zwar ohne Wenn und Aber. Zwei Erwachsene, vier Kinder - alle zusammen reisen sie bis in die hintersten Winkel unserer Erde: mit Schlittenhundegespann nach Ostgrönland, zu Fuß mit überladenem Kinderwagen über die Alpen oder mit sämischen Rentierhirten in die Berge Lapplands. Und zwar nicht nur um Spaß zu haben, sondern vor allem, um auf die Verschmutzung unseres Planeten aufmerksam zu machen. Weil Jana und Jens Steingässer es nicht einfach hinnehmen wollen, dass ihre vier Kinder von der vorauseilenden Generation eine Welt bekommen, in der die Ozeane im Plastikmüll ertrinken, die Luft zu giftig zum Atmen ist und das Grün der Weide vor lauter Erosion nicht mehr zu sehen ist. Mit ihren Projekten möchten sie sich und uns immer wieder wachrütteln bevor es zu spät ist. Gerade waren sie in Spanien und haben Seaqual besucht - eine Initiative, bei der aus dem Müll, der von Fischern im Meer gesammelt wird, ein Garn für Outdoor-Kleidung produziert wird.

Jana Steingaesser Seaqual Interview
Jana Steingässer und ihre Familie auf Tour.

Hallo Jana, auf welcher Reise erwischen wir euch?

Wir sind gerade auf dem Weg nach Jena zu einem Vortrag, wir bleiben also ausnahmsweise mal in unserem Heimatland!

Eigentlich könntet ihre eure Ziele und eure Message auch rüberbringen, wenn ihr zum Beispiel an der Nordseeküste unterwegs seid. Wieso diese entlegenen Orte wie Grönland oder Lappland?

Nein, da muss ich widersprechen! Um zu zeigen, wie unterschiedlich sich Klimawandel in den unterschiedlichen Klimazonen unseres Planeten auf das Leben von Menschen, Tieren und Pflanzen auswirkt, braucht es schon eine gewisse geographische Bandbreite. Für unser aktuelles Projekt zur Ressource Wasser haben wir den Fokus aber auf Europa gelegt, mit zwei „Ausreißern“: Marokko und Israel.

Ihr seid auf den Spuren des Klimawandels. An welchen Orten ist euch die Umweltverschmutzung besonders aufgefallen?

Fahrlässiger Umgang mit unserer Umwelt und unseren Ressourcen findet überall statt. Aber manche Länder schaffen es besser als andere, ihre Fehler unter den Teppich zu kehren, indem sie beispielsweise ihren Müll in andere Länder verschieben. Unser außerhalb der Saison produziertes Gemüse und Obst kommt zu einem guten Teil aus Südspanien. Welche Spuren dort Landnutzungsänderung, der Verlust biologischer Vielfalt oder Übernutzung der Wasservorkommen hinterlassen hat, bekommen wir hier nicht mit, wenn wir es nicht sehen wollen.

Seaqual Boattrip
Jedes Jahr landen 12 Millionen Tonnen Plastik in den Ozeanen. 

Wie seid ihr auf Seaqual aufmerksam geworden?

Wir kamen gerade aus Albanien zurück, wo wir mit einer Gastfamilie zu Pferd unterwegs waren - entlang einem der gigantischsten Flüsse Europas, der Vjosa. Schon die Flussufer sind stellenweise extrem vermüllt, und einige Male haben wir beobachtet, wie Kipplader ans Wasser fuhren und ihren Müll direkt in den Fluss gekippt haben. Deutschland exportiert übrigens auch Müll in europäische Nachbarländer. An der Mündung der Vjosa in die Adria sind wir dann buchstäblich auf einem Teppich aus Müll gelaufen: Glas, Kunststoff, Bekleidung, Batterien, Elektroschrott - irgendwann landet das alles im Meer! Durch Jack Wolfskin, unseren langjährigen Kooperationspartner, wurden wir dann kurz darauf auf Seaqual aufmerksam – und wollten nach diesem Erlebnis mal schauen, wie aus diesem Meeresmüll Garne hergestellt werden.

Wie funktioniert die Initiative?

Wir haben vor allem die Fischer begleitet, die den Meeresmüll an Land holen, waren mit ihnen draußen auf dem Wasser und haben direkt an Deck den Müll begutachtet. Da wurde uns richtig schlecht. Im Hafen werden die wiederverwertbaren PET-Teile dann aussortiert und gelagert, bis sie in einem Werk nahe Barcelona geschreddert und zu Pellets gepresst werden. Im nordspanischen Girona waren wir dann bei der Textilfirma Antex, die das Projekt mit ins Leben gerufen hat. In der Fabrik haben wir dabei zugesehen, wie aus den Pellets Garne gesponnen werden.

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Seaqual Fishing For Plastic
Seaqual arbeitet mit NGOs, lokalen Communities und Fischern zusammen, um die Meere vom Plastik zu befreien. 

Welche Schlüsse habt ihr für euch nach dem Besuch gezogen?

Es ist erschreckend, in welch kurzer Zeit wir Menschen den Ökosystemen unseren Stempel aufdrücken – oft mit Folgen, die wir gar nicht absehen können oder die uns noch viele Jahrhunderte beschäftigen werden. Aus Meeresmüll Bekleidung für die Outdoor-Industrie herzustellen, ist immerhin eine Möglichkeit, um auf diese Thematik aufmerksam zu machen. Es bleibt aber abzuwarten, wie die Umweltbilanz solcher Produkte im Endeffekt aussieht. Michel Chepta, Geschäftsführer von Seaqual, hat es auf den Punkt gebracht: Wenn wir unsere Meere aufräumen müssen, dann haben wir zuvor etwas grundlegend falsch gemacht.

Wie reagieren eure Kinder auf solche Erlebnisse?

Sie waren sprachlos beim Anblick der Mengen an Müll, die in den Netzen der Fischer landen. In Grönland haben sie zum ersten Mal ein Bewusstsein für dramatische Vermüllung bekommen. Im Sommer ist dort der Schnee geschmolzen und sie sind buchstäblich über Müll gestolpert. Es war dann ihre Idee, müllfrei zu leben. Das ist gar nicht so leicht, aber wir haben uns auf diesen Weg begeben. Einen müllfreien Haushalt anzustreben, kann ich jeder Familie empfehlen, denn plötzlich entwickelt man eine erstaunliche Sensibilität für unnötige Verpackung - und entdeckt ungeahnte Talente beim Selbermachen.

Seaqual Plastic Free Oceans
Das Endprodukt: Upcycled Marine Plastic.

Glaubt ihr, das Ziel von Seaqual, „Oceans free of marine litter“, ist realistisch?

Wir wissen ja mittlerweile, dass sich in unseren Meeren riesige Plastikstrudel aus Mikroplastik gebildet haben. Das alles zu entfernen, ist kaum möglich. Da es Jahrhunderte dauert, bis Kunststoffprodukte abgebaut werden, wird sich unsere Plastikspur noch eine Weile durch die Weltmeere ziehen. Umso wichtiger ist es, endlich diesen Verpackungswahnsinn zu beenden. Ich schäme mich jetzt schon dafür, dass sich unsere Urururenkel fragen werden, welche verantwortungslosen Schwachköpfe zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf der Erde gelebt haben. Trotz allem finde ich es absolut richtig und wichtig, „Oceans free of marine litter“ zum Ziel zu erklären - das ist eine Vision, die uns beflügeln sollte!

Jana, vielen Dank für das Interview. Wann geht es für euch wieder los in die Welt?

Im Sommer – sechs Wochen zelten in Schweden. Ich kann es kaum erwarten!

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Credits:

Stefan Heinrich

Jana Steingässer

Seaqual