Seit rund 20 Jahren lebt Blue Redakteur Tom Frey im Norden Deutschlands und versucht die guten Tage an den nordischen Gewässern mitzunehmen, an denen surfbare Wellen laufen. Die Messlatte dafür, was als gute Wellen bezeichnet werden kann, hat sich dabei seit den ahnungslosen Anfangstagen um die Jahrtausendwende in früher nie geahnte Höhen verschoben. Dieser Erkenntnisgewinn ging einher mit langjährigen Beobachtungen verschiedenster Wetter-, Wind- und Wellenvorhersagen auf Medien mit unterschiedlichster Aussagekraft und Versuch sowie unvermeidlichem Irrtum (und tausenden von Kilometern auf vor allem dänischen Autobahnen und Landstraßen).

Dabei sprangen über die Jahre viele richtig gute Surfsessions heraus, aber auch eine zunehmend hohe Anspruchshaltung. Was anfangs noch als gute Surfbedingungen galt, ist inzwischen kein Gramm verbrauchtes CO2 mehr wert. Schulterhoch und offshore muss es inzwischen sein, damit es die weite Anreise wert ist. Als episch gelten solche Bedingungen trotzdem seit langem nicht mehr. 

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Mitte vergangener Woche wurden nun die Maßstäbe erneut – und dramatisch – verändert. Die Wetterstation des Vertrauens nordwestlich von Schottland spuckte bereits Tage vorher Swellprognosen pazifischen Ausmaßes mit Swellhöhen von über 6 Meter und Perioden bis zu unglaublichen 19 Sekunden aus. Zur Erzeugung derartiger Energiemengen im Meer braucht es deftigste Stürme, die über eine sehr lange Strecke auf den Ozean pusten. Stürme mit der notwendigen Wucht gibt es im Nordatlantik. Aber für die notwendige Einwirkungsfläche (Fetch) ist der Teich eigentlich zu klein.

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Trotz der geometrischen und mathematischen Unwahrscheinlichkeiten hielt sich der Forecast bis kurz vor den Stichtag. Und die Referenzboje maß dann in der Nacht von Montag auf Dienstag auch Wellenhöhen von über 8 Metern. Bei der hohen Geschwindigkeit des Swells würde dessen Peak aber wohl in der viel zu langen Nacht von Dienstag auf Mittwoch an den dänischen Küsten ankommen. In der gleichen Nacht sollte der Wind dort auf Offshore drehen und den ganzen Mittwoch aus Ost blasen. Die spannende Frage war, wieviel Swell dann noch auf perfekte lokale Windbedingungen treffen würde.

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Der Mittwoch begann dann wolkenlos, aber eiskalt mit Temperaturen leicht unter dem Gefrierpunkt. Ein leichter Offshore blies und als unser Mann vor Ort im ersten Tageslicht die Dünen erklomm entlud sich gerade eine Setwelle auf der Sandbank vor den Bunkern. Vor dem Ende ihrer langen Reise stellte sie sich noch auf knapp doppelt kopfhoch auf und beendete den Trip über den Nordatlantik stilvoll mit einer perfekt geformten Tube.

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Am Riff weiter rechts waren bereits 3 Surfer draußen, doch schnell stellte sich heraus, dass dieses sonst so perfekt liefernde Riff mit der Energie des Swells überfordert war. Immer wieder fühlte der Swell bisher unbekannte Untiefen etwas südlich des normalen Peaks und kreierte dort einen zweiten Peak, der immer wieder der Hauptwelle in die Quere kam. Besser sahen die Wellen an den Sandbänken weiter südlich aus, die einen Hauch von Hossegor verströmten. Sie verlangten aber auch die für atlantische Winterswells passenden Bretter und Skills um überhaupt in die Welle rein zu kommen. Beides war hier nicht vorhanden so dass keine der perfekten Tubes gesurft wurde. Und es gab viele perfekte Tubes hier.

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Anders sah es am Riff in Klitmøller aus. Auch hier brachen perfekt geformte Wellen mit teilweise mächtig Wumms, aber sie wehrten sich nicht ganz so heftig gegen sie anpaddelnde Surfer. Die vereinzelten Tubes waren nicht ganz so Hossegor-ig, dafür liefen die Wellen länger und das sowohl nach links und nach rechts. Trotzdem dominierten großvolumige Bretter den Lineup, eine Gruppe Longboarder sowie die Creme de la Creme der dänischen SUP-Szene teilten die Sahnestücke unter sich auf. Surfer auf Standard Shortboards hatten auch hier Probleme, überhaupt den Take-Off zu überstehen.

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Im Laufe des Tages wurden die absoluten Bomben seltener, aber bis zum Sonnenuntergang lief immer mal wieder ein Set rein, dass den Lineup gehörig aufmischte und ein paar geduldig weiter draußen wartende mit superben Rides beglückte. Die Wellen zwischen diesen Sets wären bis dato noch als episch durchgegangen, nun waren sie lediglich Spaß-Wellen. Am Ende war es ein unglaublicher Tag, von dem die Zeugen wohl noch ihren Enkeln erzählen werden. Es war aber auch ein Tag, der die Messlatte für „episch“ verdammt weit nach oben gelegt hat, der sich an der dänischen Nordsee aber nicht so bald wiederholen wird. Wenn wir weniger als 10 Jahre auf das nächste vergleichbare Ereignis warten müssen, können wir uns glücklich schätzen.

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Credits:

Bild & Text: Tom Frey