Auf Instagram entsteht eine absurde Parallelwelt der Surfkultur. Die Invasion der Influencer ist in vollem Gange. Bekämpfen? Ignorieren? Mitmachen?

Die ersten Bilder der Wavepool-Perfektion? Instagram. Der Live-Bericht des Jahrhundertswells? Instagram. Die Entdeckung des neusten Secretspots – wahrscheinlich sogar mit Locationtag? Leider auch Instagram! An Facebooks Bilderschleuder führt kein Weg vorbei. Die Plattform ist ein riesen Spielplatz für Kreative. Die gesamte Surfszene und die Möglichkeit daran teilzuhaben sind nur ein, zwei Doubletaps entfernt. Mir stellen sich zwei Fragen: Was machen Surfer mit diesem Medium und was macht das Medium mit den Surfern?

Nur für den Fall, dass jemand in der Content-Flut den Überblick verloren hat: #Surfing ist nicht Surfing! Surfing ist: Tyler Wrights Powercarves, Silvana Limas Aerial-Progression und Belinda Baggs zeitlose Noserides. #Surfing ist: Kess über die Schulter lächeln. #Beachhair leicht zerzaust über dem Avocado-Toast mit pochiertem Ei und dem Latte Macchiato mit Mona-Lisa Muskatnuss-Kunst. Eventuell noch mit 6’6 Hyptokrypto im Hintergrund. #Surfing ist en vogue. Surfing ist im Weg.

Dabei gibt es so viel Großartiges zu entdecken. @KellySlater’s passionierter Feldzug gegen die Verschwörungstheoretiker der Flat-Earth Society zum Beispiel. Oder @SurfCore2001’s Kollektion charmant-beschissener Magazin-Anzeigen der frühen 2000er. Sogar Fotografie-Altmeister @ArtBrewer ist dabei; Mit Perlen wie einem Schnappschuss der ihn als Siebzehnjährigen bei den Surfer Poll Awards 1968 mit einem Scheck über 32 Cent für Benzingeld zeigt. Im Feed wird dieses halbe Jahrhundert Relevanz auf einen Ersteindruck von einer knappen Sekunde reduziert. Deshalb wird sich Art Brewer’s fotografischer Feinsinn auf Instagram nie gegen @ChrisBurkard’s visuelle Brechstange durchsetzen können. Erfolgreicher Content ist durchgeplant und analytisch – aber immer authentisch. Auf jeden Fall authentisch! Es wird in Park-Avenue Chefetagen über Authentizität diskutiert. Schließlich lässt sich damit je nach Gefolgschaft ordentlich $$$ pro ,,Sponsored Post’’ verdienen. Denn Business braucht Influencer, Influencer brauchen Follower, Follower brauchen Content, Content braucht Engagement Rates und die sind gut fürs Business. Dieses Insta-Karussell dreht sich ein paar Runden und alle, die dann noch dranhängen, sehen irgendwie gleich aus. Demnach ist das #Surfinglife die Dauerschleife eines all-inclusive Abenteuerurlaubs auf MDMA. Alles epic, alles amazing, GoPro drauf, Dubstep drunter – Money! Oder ist das eigentlich Kunst? Andy Warhol sagte: ,,If you’re not trying to be real, you don’t have to get it right. That’s art!’’. Daran gemessen sind Influencer definitiv Künstler.

Aber was ist mit unseren Künstlern? Was ist mit @JohnJohnFlorence? Der weigert sich hartnäckig, den Hype um seine Person auf Instagram zu versilbern. Seine Posts sind unpersönliche Postkarten aus dem Leben einer unnahbaren Kultfigur. Es wirkt fast schon, als hätte er es nicht nötig. Instafame geht anders! Instafame ist, wenn der Moment verpasst wird, in dem Eigenlob peinlich wird. Instafame ist eine emotionale Flucht nach vorne und @GabrielMedina ist unter den Pros in der Poleposition. Der ausgewogene Mix aus Warenfetischismus, Narzissmus und Inspiration ist solide 6 Millionen. Follower wert. Und das obwohl er unbestritten einer der besten Surfer des Planeten ist und das (manchmal) auch zeigt. Dass diese Kombination auf Instagram Seltenheitswert hat, zeigt der Vergleich zwischen @StephanieGilmore und @AlanaBlanchard. World-Tour Surferinnen derselben Generation. Beide Meisterinnen des Soul-Archs. Steph in rechten Pointbreaks und Alana unter Palmen am Strand. Steph, die fünffache Weltmeisterin. Alana, die Referenz für sandige Kehrseiten. #Beachbum ist Trumpf. Mit 2 Millionen Followern gehen die Influencer-Moneten an Alana. Für Steph geht das wahrscheinlich in Ordnung, aber viele Athleten haben mit diesem Trend der Selbstvermarktung zu kämpfen.

Von der Selbstverständlichkeit mit der man in auf Instagram vom Künstler oder Sportler zum Kleiderbügel/Marktschreier ,,aufsteigt’’, kann man halten, was man will. Sicherlich ist es in Ordnung, wenn mittelmäßige Surfer, die sich sportlich nicht durchsetzen können, ihr finanzielles Glück anderswo suchen. Nur muss der Rest letztendlich mitziehen. Wie platt das Influencer-Modell sein kann, zeigt Maya Gabeira’s Account. Ihre Galerie liest sich wie eine Geschichte der Resignation. Die Brasilianerin setzt ihr Leben in den größten Wellen der Welt auf’s Spiel und hätte es in 80ft Nazaré fast verloren. Für das Bild in den Riesenwellen gibt es 6000 Likes. Für einen halbnackten Handstand bei Sonnenuntergang das Fünffache. Absurd! Influencer wie Jay Alvarez oder die Coffey Sisters treiben dieses Prinzip der Self-Objectification auf die Spitze und kommen in ihrem #Surfinglife komplett ohne Wellenreiten aus. Ein Kommerzalbtraum einer hochstilisierten, durchgeplanten Klischeewelt, die Verführung Inspiration, Manipulation Authentizität und Nobelstrandurlaub Surfing nennt. Gläserne Menschen, die sich den Brands als Litfaßsäule anbieten – aber nur für die Produkte, hinter denen sie auch wirklich zu 100% stehen. Authentisch eben. Und nach dem nächsten KPI-Report auch bestimmt 17% authentischer als letztes Jahr...

Medien prägen Kultur, reflektieren sie aber auch. Es liegt im wahrsten Sinne des Wortes in unserer Hand. Alle, die sich jetzt aufregen und auf Instagram aktiv an ihrem Marktwert schrauben: Dane Reynolds Hund (@pamlovesferrariboys) hat mehr Follower als ihr! Ich will nie wieder über dieses Scheißthema schreiben müssen. Die Mahnmale sind da. #Resist!

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Das Feature erschien im Blue Yearbook 2018.