Plastic Pellets Bluemag

Ein Gastbeitrag von Inka Reichert


Auf den ersten Blick ist am Strand von La Pineda in der Nähe der spanischen Stadt Tarragona nichts Auffälliges zu entdecken. Erst bei näherer Betrachtung werden im Sand verstreut kleine Plastikkügelchen sichtbar. Sie sind nicht größer als drei oder vier Millimeter. Die Kügelchen sind weiß bis durchsichtig und heben sie sich kaum vom hellen Sand ab.

Je näher man der Brandungszone kommt, desto mehr werden es: Von den Wellen angeschwemmt, liegen sie massenweise angehäuft herum. „Schon als Kinder haben wir die Kügelchen hier am Stand gefunden“, erzählt Jordi Oliva. Damals wusste der heute 27-jährige Surfer noch nicht, woher sie kamen – geschweige denn, dass es sich um Plastik handelte. „Als wir klein waren, sammelten wir sie und spielten damit“, erzählt Jordi.

Heute sieht Jordi die Kügelchen mit ganz anderen Augen. „Wir gehen oft am Strand von La Pineda surfen. Es macht mich traurig und wütend zugleich, wenn ich auf meinem Weg zu den Wellen immer wieder über Plastik laufen muss“, sagt er. Mit seinem Kollegen Albert Font de Rubinat gründete er vor drei Jahren ein gemeinnützige Organisation: Good Karma Projects. Jordi und Albert wollen nicht nur die Surfboardindustrie „grüner“ machen, sondern auch die Menschen über die Verschmutzung an ihren Stränden aufklären. Regelmäßig veranstalten sie Strandsäuberungen oder Aufklärungsprojekte in Schulen ihrer Region rund um Tarragona.

In den vergangenen zwei Jahren wurden es immer mehr Plastikkügelchen am Strand von La Pineda. Um das Ausmaß der Verschmutzung in Zahlen zu fassen, schlossen sich die Jungs von Good Karma Projects im Frühjahr 2019 mit der Meeresschutzorganisation Surfrider Foundation zusammen. Mithilfe von freiwilligen Helfern und Handsieben berechneten sie eine Dichte von 500 bis 3.000 Plastikkügelchen pro Quadratmeter. Für den ganzen Strand schätzten sie, dass dort 30 bis 90 Millionen gestrandet waren. Auch die Umweltorganisation Greenpeace stellte kurz danach eine eigene Rechnung auf und kam sogar auf 120 Millionen Plastikkügelchen, die den Strand von La Pineda bedeckten.

Plastic Pellets Inka Reichert

Diese spezielle Plastikverschmutzung bereitet Umweltorganisationen wie der Surfrider Foundation schon lange Sorgen. Denn die Kügelchen stranden nicht nur an der Mittelmeerküste. Auf der ganzen Welt sind sie an Stränden, aber auch an Flussufern vorzufinden – vor allem in der Nähe von Plastikfabriken oder großen Häfen. Auch die Region Tarragona gilt als Hochburg für die petrochemische Industrie. Die Nähe dar Plastikifabriken zu den Fundorten ist kein Zufall. Denn die Kügelchen sind keineswegs Müll. Es handelt sich um Plastikpellets, beziehungsweise Plastikgranulat: Das Rohmaterial zur Herstellung von aller Art Kunststoffprodukten wie Plastikflaschen oder Tüten.

Das Granulat geht bereits während der Herstellung in den Fabriken verloren. Die britische Umweltschutzorganisation Surfers Against Sewage zeigt in einem Video eine Plastikfabrik in England: Tausende der Kügelchen liegen verstreut auf dem Boden herum, auch außerhalb der Fabrik. Mit dem nächsten Regen können diese in die Kanalisation oder anliegende Flüsse gespült werden – und gelangen so am Ende auch ins Meer. Die Plastikpellets gehen aber auch beim Transport etwa durch undichte Container verloren, oder beim Umladen der Fracht im Hafen.

Alleine in der EU gelangen laut einer Studie des ICF und Eunomia jedes Jahr bis zu 167.000 Tonnen Plastikgranulat in der Umwelt. Umweltschutzinitiativen haben bereits Karten im Internet veröffentlicht, auf denen unzählige Fundorte der Plastikpellets eingezeichnet sind – für Europa und die ganze Welt. Auch in Deutschland findet man die Plastikkügelchen an der Nord- und Ostsee, aber zum Beispiel auch am Rheinufer.

„Wir haben sie auch auf offener See im Mittelmeer gefunden“, berichtet Jordi. Als das Team von Good Karma Projects im Sommer letzten Jahres mit einem speziell dafür angefertigten Netz vom spanischen Festland nach Mallorca segelten, fanden sich in jeder Netzprobe mehrere der weißen Plastikkügelchen.

Je nachdem aus welchen Kunststoff das Plastikgranulat ist, sinkt es im Wasser ab oder schwimmt – und wird so mit Flüssen und im Meer über weite Strecken verteilt und an die Strände gespült. Zum Beispiel Polyethylen, der weltweit mit Abstand am häufigsten für Verpackungen verwendete Kunststoff, ist leichter als Wasser und schwimmt an der Oberfläche.

Das ist vor allem für Seevögel verhängnisvoll, welche die Kügelchen von der Luft aus mit Essbaren verwechseln. Studien zeigen, dass Kunststoffe im Meer sogar bestimmte Schwefelverbindungen absondern, die für die Vögel „appetitlich“ riechen. Eine im Fachmagazin Science veröffentlichte Untersuchung zeigt, dass die Plastikpellets auch von Fischen gefressen werden. „Bei kleineren Fischen kann das zu einer Verstopfung des Verdauungssystems führen“, heißt es in der Studie.

Blue Yearbook online kaufen

Und es kommt eine weitere Gefahr für Küsten- und Meeresorganismen hinzu: Die Plastikkügelchen nehmen Schadstoffe aus der Umwelt auf, wie die giftigen und krebsauslösenden Chlorverbindungen Polychlorierte Biphenyle (PCB). Das Monitoring-Programm Pellet Watch dokumentiert seit 2005 weltweit Funde von Plastikgranulat und ihrer Konzentration an Schadstoffen. Dabei finden sie auch erhöhte Werte von Insektiziden wie DDT im gestrandeten Granulat.

Als Umweltorganisationen wie Greenpeace oder Good Karma Projects im Frühjahr 2019 die extreme Verschmutzung an der Küste bei Tarragona publik machten, erschien das Thema auch in den lokalen Medien der Region. „Wir waren extrem verärgert, als die zuständigen Behörden darin angaben, dass sich der Strand nur auf natürliche Weise wieder säubern kann,“ sagt Jordi. Denn genau das passierte auch im Januar diesen Jahres: Ein orkanartiger Sturm riss nicht nur weite Teile des Strandes mit ins Meer, sondern auch die Plastikpellets, die sich dort angesammelt hatten.

Die Gemeinde der anliegenden Stadt Vila-seca versprach eine Investigation einzuleiten, um den Ursprung der Verschmutzung zu ergründen. Ihr erster Verdacht: Ein Containerschiff könnte durch einen Unfall einen Teil seiner Fracht im Meer verloren haben. „Wir haben seither nichts mehr gehört“, sagt Jordi. Niemand sei für diese Verschmutzung verantwortlich gemacht worden. Dabei sei klar, dass es sich nicht nur um einen Einzelfall handelte. „Die Pellets, die wir an unserem Strand finden, sind unterschiedlich alt“, erklärt Jordi. Das sei ganz einfach am Grad ihres Verfalls durch Umwelteinflüsse zu erkennen. Einige seien noch sehr weiß und sauber, andere bereits vergilbt und abgeschliffen.

Plastic Pellets Inka Reichert Blue

„Die lokalen Behörden sind nicht daran interessiert, die Öffentlichkeit über die Verschmutzung ihrer Strände aufzuklären. Die Region lebt vom Tourismus“, sagt Jordi. Dabei müssten dringend Maßnahmen eingeführt werden, damit das Plastikgranulat nicht mehr in der Umwelt landet. Auch die Surfrider Foundation kritisiert, dass die EU Kommission diese Verschmutzung in ihrer Kunststoffstrategie bisher noch nicht gezielt thematisiert und mit geeigneten Maßnahmen bekämpft.

Das ist nicht überall so: Im US-Bundesstaat Kalifornien, dessen Küste auch von Plastikgranulat übersäht war, wurde 2008 bereits ein Gesetz eingeführt, das „Nurdles law“. Dieses bezeichnet Plastikgranulat ausdrücklich als Umweltverschmutzung. Das Gesetz schreibt zudem Maßnahmen für Plastikindustrie in Kalifornien vor, um den Verlust des Granulats zu verhindern.

Es geht um einfache Dinge: Zum Beispiel sollen Mitarbeiter in den Fabriken darüber aufgeklärt werden, dass sie herumliegende Plastikpellets auffegen, anstatt sie einfach auf dem Boden liegen zu lassen. Maschinen, welche das Granulat herstellen, sollen regelmäßig gesäubert werden, und das entstehende Abwasser darf nicht einfach ungereinigt in umliegende Gewässer geleitet werden. Aber auch der Transport soll sicherer werden. Container müssen zum Beispiel vor dem Transport auf mögliche Lecks geprüft werden.

In der EU haben sich einige Konzerne der Plastikindustrie mittlerweile der Operation Clean Sweep angeschlossen. Diese Initiative wurde eigens vom Verband der Kunststoffindustrie gegründet, mit dem Ziel den Pelletverlust in der Umwelt zu bekämpfen. Das Monitoring-Projekt Nurdle Hunt kritisiert jedoch, dass es sich hier nur um eine freiwillige Selbstverpflichtung der Unternehmen handelt. Jegliche Kontrollen würden fehlen.

„Wir wollen die verantwortliche Industrie in unserer Region zur Rede stellen, werden aber weiterhin auch die Bevölkerung über die Verschmutzung aufklären“, sagt Jordi. Das Wichtigste sei es, das Bewusstsein der Menschen für das Problem zu wecken, damit sie ihre Konsumgewohnheiten ändern. „Wenn wir weniger Plastik verbrauchen, wird auch weniger produziert“, sagt der Surfer. Eine geteilte Verantwortung sei essenziell, um gemeinsam das Ziel zu erreichen.

//

Editors Note: Die Autorin des Artikels, Inka Reichert, ist Regisseurin des preisgekrönten Dokumentarfilms White Waves. Ein Film über Surfer in Europa, die für ein sauberes Meer kämpfen.
Mehr Infos zu White Waves und den ganzen Film zum Download gibt's auf: www.whitewaves.eu