Ein Artikel aus dem Yearbook 2019 von Christian Bach.

Sustainability - ein traumhaftes Wort für Werbung und Marketing. In der Realität aber meistens reine Träumerei und in vielen Fällen nachweislich Green-Washing. Viel von dem, was mit „sustainable“ unausgesprochen beansprucht wird, schreibt man den Marken, die damit ihren Claim abstecken, zu - oder eben nicht. Das hängt dann allerdings allzuoft nur davon ab, ob einem die kommunizierende Marke grundsätzlich gefällt, ist aber deshalb nicht zwingend und ehrlich zutreffend für die verschiedenen Dimensionen (des Worts) bestehend aus Umweltfreundlichkeit des Materials, Energiebilanz und Abfallausstoß in der Produktion und letztendlich auch der sozialen Komponente, Stichwort: Arbeitnehmerschutz.

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Pete Saari im Gespräch mit Christian Bach: "Honestly, Sustainability?"

Pete Saari managt einen eurer Lieblingsboardhersteller. Und das inzwischen seit über 30 Jahren. Mervin Manufacturing wurde ins Leben gerufen, um Snowboarding aus nordwestamerikanischer Perspektive zu gestalten. GNU und Lib Tech sind 2019 der Beweis dafür, dass Mervin genau das gelungen ist. In der Vergangenheit hat Mervin unter Lib Tech auch Surfboards auf den Markt gebracht, die wohl gut unter „sustainable“ gelabelt werden könnten. Trotzdem nutzen die Jungs von Mervin lieber das Wort „nicer“, um ihre Boards anzupreisen. Das entspricht vielleicht nicht dem Mainstream, aber ist wahrscheinlich näher an der Realität dran und grundsätzlich ehrlicher. Zu Mervins abgefahrenen Marken passt es so oder so – trotzdem haben wir Pete Saari gefragt, wie genau „nicer“ ihr Spin auf Sustainability geworden ist.

Ihr nutzt das Wort „sustainable“ nicht zu Werbezwecken auf eurer Website. Ist es inhaltlich trotzdem von Bedeutung für euch?

Na klar. Nachhaltiges Denken ist wichtig für unser Leben und damit auch für unsere Spielzeuge. Einen verantwortungsvollen Umgang mit den Ressourcen dieses Planeten zu erlernen, ist ja vor allem schon deshalb wichtig, um unseren Kids einen lebenswerten und schönen Ort zu hinterlassen. Ganz ohne einen „Fußabdruck“ zu hinterlassen, ist ein Menschenleben kaum möglich. Allerdings gibt es immer Wege und Lebensstile, die unseren Impact minimieren und sogar positiv zum Ökosystem beitragen können. Das hängt vor allem davon ab, den Status Quo zu analysieren und immer wieder zu versuchen, kleine Verbesserungen in unser tägliches Leben einfließen zu lassen.
Was Mervin angeht: Wir benutzen das Wort „sustainable“ nicht, denn es ist für uns purer Idealismus und in Realität eher ein „Green-Washing“-Programm. Allerdings sind wir überzeugt davon, dass wir realistisch gesehen einen wesentlich umweltfreundlicheren Job machen als die meisten anderen Board-Schmieden – sprich „nicer“ sind.

Factory Libtech Surfboards
Matt "Mayhem" Biolos ist überzeugt. Lib Tech und Lost haben zusammen ein paar unschlagbare Bretter entworfen...

Libtech Lost Quiver Killer
... wie z.B. das "Quiver Killer", ein Brett für alle Bedingungen und jeden Trip.

Wenn wir uns „sustainable“ trotzdem nochmal von der technischen Seite anschauen – wie müsste ein Produkt dann sein?

Ich tippe mal, dieses Produkt würde aus Einsatzstoffen inklusive Energiebilanz bestehen, die sich in der Gesamtlebens- und Nutzungsdauer des Produkts selbständig wieder regenerieren.

Wenn man sich anschaut, was Marken heute alles leisten wollen, was würde dann eine wirklich nachhaltige Marke ausmachen?

Die gibt es meiner Ansicht nach so nicht. Aber man kann sich dem annähern. Unser Ansatz, umweltfreundliche Boards zu bauen, ist beispielsweise komplett ego-getrieben. Mike Olsen und ich haben zu Beginn alles von Hand und selber gebaut – und wollten uns nicht die Gesundheit versauen. Wir hatten beide Surfboards auf traditionelle Art gebaut und sind zum Entschluss gekommen, dass es das nicht sein kann. Erst recht nicht, als wir angefangen haben, Kumpels und Freunde für die Fertigung einzustellen. Da hat man dann ja auch für deren Gesundheit die Verantwortung. Außerdem komme ich genau wie Mike aus einer Outdoor-Familie. Die Natur hier oben ist sowas wie ein Weltwunder. Aber wir haben in den 70ern eben auch mitbekommen, was der „Love Canal“ mit ihr gemacht hat, und die Ölkrise hat uns die Endlichkeit von Ressourcen gelehrt.

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Was dann ja gleich in den Bereich Business reingeht?

Klar. Ein wichtiger Faktor von Nachhaltigkeit ist Effizienz im Umgang mit Ressourcen – und die war für uns superwichtig. Am Anfang, weil wir einfach kein Geld hatten, um verschwenderisch und unbedacht zu produzieren. Wir mussten bei allen Entscheidungen schauen, dass wir den maximalen und langfristig wertvollsten Ertrag erzielen. Materialien, die wir heute standardmäßig verwenden, mussten wir uns am Anfang teuer in Kleinmengen kaufen und erstmal ausprobieren, wie wir damit möglichst viele gute Boards bauen. Davon profitieren wir heute noch. Sprich Effizienzdenken war von Anfang an eine gute Business-Strategie für uns. Dass wir uns schon damals vorrangig mit umweltfreundlichen Werkstoffen auseinandergesetzt haben, hat uns viel Verwunderung und Unverständnis von Außenstehenden eingebracht – heute pusht es unsere Boards. Den Leuten, die unsere Boards kaufen, ist es inzwischen echt wichtig und abgesehen davon, haben wir im Verlauf unserer Forschungsprojekte zu „weniger toxisch“ oftmals auch „mehr Performance“ als Antwort bekommen. Auf die Forschung muss man halt Lust haben und langfristig positiv denken.

Ryan Carlson Libtech
Lib Tech Bretter sind für kompromissloses Surfen gemacht. Ryan Carlson legt es in jeder Session drauf an.

Dann lass uns doch mal persönlich werden: Was macht einen Shredder „sustainable“?

Puh... okay, wie schon gesagt, wird jeder Mensch durch seine Existenz immer etwas auf dem Planeten hinterlassen. Aber das darf keinen daran hindern, den Impact zu minimieren und umweltfreundliche Entscheidungen zu treffen. Sowohl mit dem Lebensstil, den man sich aussucht, als auch damit, wie, wo und bei wem man sein Geld ausgibt.

Okay, aber ist das größte Problem und damit auch das Ende aller Nachhaltigkeit, dass Massenproduktion von allem zu viel erschafft?

Ja und Nein. Denn erst ab einer gewissen Größe kann ich bestimmte nachhaltige Materialien auch kaufen. Und dann muss man halt einfach gut arbeiten. Im Einkauf, in der Produktion und im Recycling von Materialverschnitt und der Reduktion von Überschüssen. Bei uns kommt das gesamte Sägemehl aus der Snowboardproduktion in den Kompost. Surfboard-Foam-Überschüsse werden abgesaugt und zurück zum Foam-Hersteller geschickt, um neue Kerne zu bauen. Unsere gesamte Snowboard- und Surfproduktion erzeugt schon heute keine giftigen Abfälle mehr. Jetzt geht es darum, die Produktionsabfälle selber auf Null zu reduzieren. Schätzungsweise werden wir zukünftig jeden Überschuss direkt wiederverwenden können – daran wollen wir arbeiten.

Libtech Blanks Factory
Lib Tech: Nicer Surfboards :)

Okay, wie lautet dann deine „Sustainability“-Prognose?

Ehrlich gesagt wird uns der Planet auf jeden Fall irgendwann vor die Tür setzen. Aber das können wir nicht ändern. Solange wir uns aber das Haus, in dem wir wohnen, sauber halten, ist es bis dahin für alle sicher besser. Und ich denke - zumindest wenn ich sehe, wie es bei uns gelaufen ist -, dass wir das als globales Kollektiv eigentlich recht einfach schaffen können. Das wäre doch gut?!

Definitiv - Danke dir Pete!

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Credits

Text: Christian Bach

Bild: Lib Tech