25 Jahre lang gehörte der Franzose Bernard Testemale zu den meistgebuchten Surf-Fotografen der Welt. Bis ihm jugendliche Hipster erst die Show und dann die Jobs stahlen. Nun hat er sich künstlerisch noch einmal völlig neu erfunden.

„Time waits for no one“, sang Mick Jagger 1974. Da war Bernard Testemale gerade 16 Jahre alt. Sorglos. Ein französischer Beach Boy, Teil der elitären Surf-Szene von Hossegor. 40 Jahre später geht Bernard auf die 60 zu. Seine seit Jahrzehnten bestehende Festanstellung als Staff Photographer bei Quiksilver hält ihn über Wasser. Doch spannende Aufträge geben ihm die jungen Manager, die in der Europazentrale südlich von Biarritz die Restrukturierung nach der Krise vorantreiben, keine mehr. Dabei gehörte Bernard seit den 90er-Jahren zu den weltweit bedeutendsten Surf-Fotografen, war Photo Editor des Mags „Trip Surf“. Testemale war auch ein Pionier der digitalen Surf-Fotografie. „In der North Shore Season 2001 scorte ich 17 Cover internationaler Surf-Mags...“ Bernard rührt den vierten Zuckerwürfel in seinen Tee und guckt versonnen auf die Wand seines Ateliers, an der einige gerahmte Erinnerungen hängen. „17 Cover in einem Winter! Das war krass. Wenn die Wellen gut waren, konnte ich digital ein Vielfaches der Bilder schießen, die meine analogen Kollegen im Kasten hatten. Es waren goldene Zeiten.“

Bernard Testemale wurde zum Inbegriff des glossy Surf-Shots: Pros, vorzugsweise mit Quiksilver-Logo, die perfekte Wellen vor tropischer Kulisse shredden. Seine G-Land-Fotos sind legendär. Doch in der Hipster-Ära waren andere Stile gefragt. Bernard begann, sich zu langweilen. „Ich hatte die Wahl: Entweder verschwinde ich langsam in der Bedeutungslosigkeit – oder ich erfinde mich komplett neu!“ Seine kreative Natur drängte ihn zu Letzterem. Er fragte sich, was ihn ursprünglich an der Fotografie faszinierte, und begann, wieder analog zu fotografieren.

Er zerlegte seine alte Großformatkamera und baute sich eine Custom-Version, die perfekt auf ihn abgestimmt war. Statt Action-Shots machte er nun Porträts. Über das Studium der alten Meister landete er schließlich bei den Wurzeln des Fachs: der Kollodium-Nassplatten-Fotografie oder auch Wet Plate Photography. Mit dieser 150 Jahre alten Technik kann man jeweils nur ein Foto aufnehmen. Der Vorteil: Es entstehen markante Schwarz-Weiß-Bilder mit einem dramatischen Kontrast. Der Nachteil: Die Platten müssen vom Fotografen unmittelbar vor der Aufnahme selbst angefertigt und sofort in einer Dunkelkammer entwickelt werden. Daher wurde die Technik früher nur in Ateliers angewendet. Doch Testemale hatte einen anderen Plan: Er wollte Außenaufnahmen machen. Also engagierte er einen Spezialisten aus Paris, der ihn ein Jahr lang in die Geheimnisse der Wet-Plate-Entwicklung einweihte. Schließlich baute er sich eine mobile Dunkelkammer und ging auf Reisen. Nach Kalifornien, wo er Legenden wie Bruce Brown und Tony Alva fotografierte.

Und an die North Shore, wo er anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des Quiksilver in Memory of Eddie Aikau das Who’s who der Big-Wave-Elite vor die Linse bat. „Die Hawaii-Sessions waren großartig, wenn auch wahnsinnig anstrengend. Ich schleppte dieses 30-Kilo-Monster und die Dunkelkammer zum Beispiel an den Strand von Waimea Bay, um Titus Kinimaka zu fotografieren. Es ist verrückt: Du steckst extrem viel Arbeit in den einen Shot. Doch welches Ergebnis du erzielst, bleibt ungewiss, bis das Bild entwickelt ist.“

Die Bilder dieser Porträtserie liefern einen Querschnitt unterschiedlichster Persönlichkeiten. Stars wie Kelly Slater und Tom Carroll mischen sich mit den Surf- Pionieren Titus Kinimaka oder Clyde Aikau und Big-Wave-Chargern wie Shane Dorian oder Mark Healey. Auch die hawaiianischen Heavyweights Makua Rothman und sein Vater Eddie ließen sich fotografieren. „Eddie war skeptisch, als er mich mit der alten Kamera, der Maske und den Chemikalien hantieren sah. Doch das Resultat hat ihn umgehauen. Als ich nach Hause kam, erreichte mich eine E-Mail. Eddie Rothman fragte, ob er das Foto für seinen Grabstein nutzen dürfte.“ Auch die anderen Ikonen waren beeindruckt von den extrem intensiven Schwarz- Weiß-Bildern, die mittlerweile in großen Galerien in Paris, Waikiki oder Sydney hängen.

„Die Wet-Plate-Technik ist die Königsdisziplin!“ Bernards nuschelt die Worte nicht mehr, sondern spricht jetzt langsam und eindringllich. „Du musst sehr viel Zeit mitbringen und Zeit ist das Wertvollste, was wir haben. Eine Foto-Session mit jemandem, der weiß, dass gleich dieses einzigartige Bild von ihm gemacht wird, ist eine sehr kraftvolle Erfahrung. Aus gutem Grund nenne ich meine Kamera den Seelenfänger.“

Bernard Testemale Photofolio Blue
BRUCE BROWN & ROBERT AUGUST
Regisseur Bruce Brown und sein „Endless Summer“-Star Robert August auf Browns Ranch in Big Sur, CA. „Dieses Bild beinhaltet alle meine Leidenschaften“, so Bernard.

Bernard Testemale Dave Wassel
DAVE WASSEL
Lifeguard, Big Wave Surfer, Bow Hunter. Wassel gilt durch seine Webcast-Auftritte während des Volcom Pro als witzig, ist aber eigentlich ein extrem autoritärer Typ. Groß geworden in der School of the Hard Knocks an der North Shore.

Bernard Testemale Mark Healey
MARK HEALEY
Wenn Healey nicht gerade die Weltordnung auf den Kopf stellt, indem er Waimea oder Mavericks nach links surft, dann geht er speerfischen. Am liebsten nachts, ganz allein.

Bernard Testemale Bruce Irons
BRUCE IRONS
Bernard bat für seinen Bildband „Big Wave Surfers of Hawaii“ sämtliche Legenden vor die Kamera. Seine Vorgabe: Sie sollten ein für sie typisches Utensil mitbringen. Bruce Irons wählte eine Zigarette.

Bernard Testemale Kelia Moniz
KELIA MONIZ

Bernard Testemale Tom Carroll
TOM CARROLL
Ein unzertrennliches Team: Tom Carroll und sein Gath-Helm. Seit einem heftigen Wipe-out in Pipeline in den 80ern ging Tommy nur noch mit Helm ins Wasser. Der Kopfpanzer wurde sein Markenzeichen.

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Alle Fotos: Bernard Testemale - www.bernardtestemale.com

Textliche Mitarbeit: Axel Piperno

Dieses Feature erschien im Blue Yearbook 2016