Localism ist tot. Oder zumindest in seiner Ohnmacht kaum wiederzuerkennen. An vielen Spots sind die ehemals harten Platzhirsche eingeknickt, haben sich dem Ansturm ergeben. Ein Triumph der Touristen ist das allerdings nicht, denn der neue Trend passt perfekt in unsere neoliberale Ära: Wellen werden nicht mehr verteidigt, sie werden jetzt versteigert.

Dass Locals ihre Wellen versilbern wollen, ist nichts Neues: Seit Jahren greifen Surfer tief in die Tasche, um Weltklassewellen wie G-Land, Pasta Point auf den Malediven oder Occy’s Left in Sumba zu surfen. Und „Surf Guiding“ an den sagenhaften Point Breaks von Salina Cruz klingt harmlos, ist aber weniger freiwillig, als man meint. Den Gringos, die meinen, auf einen Guide verzichten zu können, wird recht energisch nahegelegt, nach Puerto Escondido auszuweichen – fünf Autostunden nördlich. Auch Fidschis Cloudbreak war lange denen vorbehalten, die auf Tavarua einen Bungalow mieteten. Für die astronomischen Preise gab es dann Luxus an Land und einen Platz im Line-up. Der Gedanke an speckige Geschäftsleute, die in menschenleerer Perfektion schon beim Takeoff überfordert sind, ist ziemlich frustrierend. Doch seit der Reef Break wieder freigegeben wurde, geht es in Cloudbreak drunter und drüber. Ist das besser als Exklusivität? Spricht denn überhaupt etwas dagegen, dass einige Spots nur mit dickem Geldbeutel erreichbar sind? Ja! Denn es schafft einen bedenklichen Präzedenzfall. Wenn Ausgrenzung als die beste Lösung angesehen wird, sind wir im Prinzip bei der Country-Club-Mentalität angekommen: pay to play. Hinzu kommt, dass in den seltensten Fällen die Locals die Boutique-Resorts auf die Atolle stellen – fast immer sind es Westerner, die abkassieren.

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PNG's Perlen haben den Schutz dringend nötig!

Regulierungsansätze, von denen alle beteiligten Parteien profitieren können, gibt es bisher nur theoretisch. Das vorgeschlagene System der Surfing Association of Papua New Guinea (SAPNG) orientiert sich am Everest-Modell. Theoretisch sollen die Zahlen der Gipfelstürmer im Himalaja durch Bergtickets reguliert werden, deren Erlöse dann in die einheimische Infrastruktur fließen und dem Erhalt der Natur dienen. In der Praxis sieht es anders aus: Wer genug zahlt, hat Vorrang. Das System funktioniert halt nur, wenn alle an einem Strang ziehen. Auch in Papua New Guinea fehlt diese Solidarität, mehrere Surfcamp-Betreiber verweigern sich der Regulierung und schicken so viele Kunden wie möglich in die Line-ups.

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Nur Du und deine 300 besten Freunde!

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Dort, wo der Kampf gegen die Massen schon verloren ist, kassieren die Locals auf andere Weise ab. Bali ist in den letzten zehn Jahren zu einer Kreuzung aus Ballermann-Malle und Yogakurs-Goa verkommen. Viele der besten Wellen sind überfüllter als der „Sky Garden“ samstagnachts. Die Antwort auf die Anarchie in den balinesischen Line-ups ist eine Mutation des „Surf Guiding“: das Blocken von Wellen für zahlende Gäste. Blocking entstand aus der langen „Zusammenarbeit“ der Locals mit der japanischen Surf-Szene, die seit Anfang der 90er-Jahre fest auf der „Insel der Götter“ etabliert ist und mit japanischen Contests in Uluwatu und dem stabilen Kurs des Yen die lokale Community unterstützte. In gewissem Sinne ist das bezahlte Blockieren von Setwellen ein Auswuchs der unkontrollierten Entwicklung auf der Insel, denn viele Balinesen gehen trotz des rasanten Tourismus-Wachstums leer aus. Ein Muster, das man immer wieder findet: Wellen werden auf die ein oder andere Weise verschachert, um der Touristeninvasion zumindest finanziell etwas abgewinnen zu können.

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Für 5$ direkt zurück zum Peak pendeln...

So auch an der längsten Left der Welt, Chicama. Die Zodiacs an Perus beliebtestem Point funktionieren wie ein Sessellift und pendeln zahlende Gringos direkt zurück zur Takeoff-Zone. Ausdauer und Paddel-Skills werden durch eine Armada von stinkenden Motorbooten ausgekontert. Das motorisierte Gedränge ist laut, unübersichtlich und gefährlich. Kann man das überhaupt noch Surfen nennen? Aus dem Elfenbeinturm westlicher Überlegenheit lässt sich darüber natürlich bequem urteilen. Doch auch hier sichert sich lediglich eine arme Gemeinde ihr Existenzminimum. Der neue Localism ist die Konsequenz aus der selbstgerechten Anspruchshaltung reisender Surfer, die mit Scheinen wedelnd eine Abkürzung zum Anrecht auf die besten Wellen suchen. Solange es keine Geschäftsmodelle gibt, die die lokalen Gemeinden einbeziehen, statt ausnehmen, wird dieser Trend wahrscheinlich immer absurdere Formen annehmen.

Das Feature erschien im Blue Yearbook 2018. Get your copy right here!

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Credits:

Chris Peel

Indo Surflife

Stumpy Vision