Red Bluff Camp

Im Westen Australiens liegt einer der besten Lefthander der Welt. Wer hier scoren will, muss bereit sein für ein Outdoor-Abenteuer. Der Nordwesten des Kontinents. In dieser trockenen, rauen Einöde bricht eine Welle, die mehr als jede andere zum Synonym für den ultimativen Wüsten-Road-Trip geworden ist: Red Bluff.

Dieser Artikel erschien in unserem Yearbook 2018. Gedruckt liest es sich immer noch am besten. Zu den Yearbooks geht es hier >>


Sehnsuchtsorte sind wie das Reisen selbst ein essenzieller Teil unserer Surf-Kultur. In den 70er- und 80er-Jahren waren es zuerst Bali und später G-Land, bevor in den 90er-Jahren die Mentawai-Inseln Surfern auf der ganzen Welt feuchte Träume beschert haben. Doch es müssen nicht immer die Tropen sein: Wer erinnert sich nicht gerne an seinen ersten Road Trip gen Süden, vielleicht sogar vorbei an den vertrauten Beach Breaks der Biskaya bis nach Marokko, wo uns neben legendären Points auch eine fremde Kultur und jede Menge Abenteuer erwarteten?

Blue 2018 Red Bluff By Scottbauer 

In Australien herrscht selbstverständlich kein Mangel an Weltklasse- Surf-Spots, doch auch hier gibt es nur wenige, die die Identität der australischen Szene prägen.

GTTING THERE
Rund zwölf Autostunden nördlich von Perth liegt Quobba Station, die weitläufige und äußerst wasser- und vegetationsarme Ranch, auf deren Grundstück sich das Bluff befindet. Die letzten 70 Kilometer sind Schotterpiste und kurz vor dem Ziel kann diese noch den gleichmütigsten Traveller in den Wahnsinn treiben. Wer allerdings die lange Anreise in Kauf nimmt und keinen Wert auf Bequemlichkeit legt, wird fürstlich belohnt: mit einer staubigen Mondlandschaft, einer tagsüber erbarmungslos brennenden Sonne und klirrend kalten Nächten, einer biblisch anmutenden Fliegenplage – und einem Weltklasse Lefthander, für den man alle Strapazen klaglos erträgt.

Red Bluff
Anthony Walsh findet ein schattiges Plätzchen, um für einen Moment der erbarmungslosen Wüstensonne des australischen Outbacks zu entkommen. Foto: Scott Bauer


DER MYTHOS
Allerdings verbinden viele weit mehr als nur eine tiefblaue Barrel mit diesem ganz speziellen Spot am Fuß der markanten roten Felsen. Red Bluff, das ist zugleich Mythos und Lebensgefühl, ein vorübergehender Abschied aus dem Hamsterrad des modernen Alltags, ein Leben im Rhythmus der Gezeiten, back to basics ohne fließend Wasser, Strom, Handyempfang und Internet, noch immer ein echtes Abenteuer im Zeitalter von Social Media, Suburbia, Surf Camps und Package Deals. Was man zum Leben braucht, auch die tägliche Ration Wasser, sämtliche Lebensmittel, Brennholz, Bier (!), alles muss aus dem weit entfernten Carnarvon mitgebracht werden. Wer schlecht vorbereitet ist, hat es schwer, die Elemente sind in der australischen Wüste unbarmherzig und unerbittlich. Nur vor den im Winter vorherrschenden Südwinden bieten die Klippen, von denen Surf-Spot und Campingplatz ihren Namen nehmen, ein wenig Schutz. Und auch die Wellen haben es auf jeden Fall in sich. Zwar gibt es gerade in diesem Teil der Welt sicherlich heftigere Wellen als Red Bluff, aber das seeigelverseuchte Riff sollte man definitiv nicht auf die leichte Schulter nehmen und Ein- und Aus-stieg durch ein sogenanntes Keyhole im Riff sind gerade mit zunehmender Swellgröße immer wieder aufs Neue abenteuerlich.

Red Bluff Stars
Milchstraßen-Porno: Der Sternenhimmel im Bluff-Camp sucht fernab von jeglicher Zivilisation wahrhaft seinesgleichen. Und ohne Handynetz kommt auch niemand auf die (dumme) Idee, anstatt der Sterne seinen Social-Media-Account zu checken. Foto: Fabian Hägele

Surfrider Article Banner


Andererseits lebt wie ein König, wer sich an der rauen Schönheit dieses einzigartigen Fleckchens Erde erfreuen und darüber hinaus idealerweise auch gut angeln kann oder mit einer Harpune um zugehen weiß.

Das Meer bietet an diesem wilden Küstenabschnitt einen unglaublichen Fischreichtum und die Mehrheit der Bevölkerung des „Camp of the Moon“ widmet sich an kleinen Tagen dann auch mit Gusto der Nahrungsbeschaffung. Den Fisch vom Grill, und zwar zumeist die Edelvariante davon, genießt man mit Blick aufs Meer, wo im Minutentakt Buckelwale ihre massigen Körper in die Luft wuchten, während im Sonnenuntergang die Silhouetten von Kängurus und Ziegen in den Felswänden oberhalb des Point auszumachen sind. auf die leichte Schulter nehmen und Ein- und Aus-stieg durch ein sogenanntes Keyhole im Riff sind gerade mit zunehmender Swellgröße immer wieder aufs Neue abenteuerlich.

Red Bluff Barrel Tall
So entspannt wie Lockie Caldwell bereitet man sich auf eine Bluff-Tube nur vor, wenn man dort aufgewachsen ist. Foto: Scott Bauer


BACK TO THE BASICS
Neben traumhaften Barrels, warmem Bier und wilder Natur ist es jedoch auch die ungewöhnliche Mischung aus ganz unterschiedlichen Charakteren und Persönlichkeiten, die das Bluff ausmachen. Da gibt es den Shrimpskutterkapitän, der souverän die Welle des Tages zerschlitzt, obwohl seine Alkoholfahne selbst im morgendlichen Offshore meilen-weit zu riechen ist. Oder die Familie, die samt Kleinkindern jedes Jahr zum Überwintern am Bluff für mehrere Monate ihre Zelte aufschlägt. Den Aussteiger, der mit Mitte 40 seine Karriere in einer Ostküsten- metropole an den Nagel gehängt hat und der Verheißung eines Abenteuers am gegenüberliegenden Ende des Inselkontinents gefolgt ist. Oder den Düsseldorfer Wanja, der sich erst letztes Jahr eine komplette Wintersaison am Bluff durch den Verkauf seiner Fotos und das Leeren der Mülltonnen auf dem Campingplatz finanzieren konnte. Oder die zwei äußerst kinderreichen Familien, die sich ein permanentes Leben in der Abgeschiedenheit der Coral Coast aufgebaut haben und den Campingplatz und das kleine Café am Bluff betreiben – und deren Töchter mit 12, 14 und 16 Jahren bereits härter chargen als so mancher Veteran unter den Durchreisenden.

Red Bluff Barrel
Beinahe psychedelisch mutet dieser klassische Red-Bluff-Moment mit Mick Klaunzer an, den der einheimische Fotograf Scott Bauer hier noch zu 100 Prozent analog festgehalten hat. Foto: Scott Bauer


Letztendlich ist es egal, was man über das Red Bluff sagt oder zu Papier bringt, die einmalige Atmosphäre ist schlicht unmöglich in Worte zu fassen. Selbst nach einem Zwischenstopp mit einer kurzen Session wäre die Magie des Bluff wahrscheinlich nur bedingt greifbar. Es ist einer dieser besonderen Orte, die man nicht nur gesehen, sondern mindestens einmal erlebt haben muss. Man muss darin eintauchen und ein Teil davon werden – und damit auch ein Teil seiner Geschichte, ein Teil des Mythos Red Bluff.


//

Credits


Fabian Hägele (Words & Bild)
Scott Bauer (Bild)
Nick White (Bild)