Team Germany Olympia Konstantin Arnold Blue

Surfende Romantiker haben zu träumen begonnen. Von deutscher Finalteilnahme, einem Partybungalow im Olympischen Dorf und der gesellschaftlichen Akzeptanz unserer geliebten Kokosnusssportart. Kritiker hingegen sehen in gleichfarbigen Trainingsanzügen zu wenig modische Selbstbestimmtheit und gehen davon aus, dass kein globaler Hahn nach deutschen Surfern krähen wird. Natürlich bleiben die Realisten realistisch und glauben erst, wenn sie genau wissen, dass sie’s sehen. Und Philipp Kuretzky? Ist weder Fisch noch Fleisch noch Flisch und deswegen Präsident des Deutschen Wellenreitverbands, der seit 01.01.2017 offizielles Mitglied im Deutschen Olympischen Sportbund ist. Gratulation, denn Konturen nehmen endlich Form an und werden zu Tobak, den wir besprechen sollten. Dürfen wir? Und, wenn ja wie viele? Sind wir auf dem Weg in eine träumerische Zukunft oder wachen wir eines Morgens schweißgebadet auf, weil wir schon wieder auf Bali sind? Nein, ich meine natürlich, weil alles nur Staub im Wind wahr. Unerfüllte Hoffnung und viel Rauch um nichts? Rauch für Tokyo, Partizipationskultur und beflügelnden Gegenwind. 

Herr Präsident, der DWV ist nun wirklich offizieller Mitgliedsverband des DOSB in der Kategorie Olympisch. Trinken wir ab jetzt nur noch Schampus auf der Dachterrasse eines Sponsorenmoguls und können uns bei der Jahreshauptversammlung endlich Stripper(innen) und warmes Gulasch leisten?

Ich persönlich fände es besser, dem DWV mit dem "ganzen Geld" einen eigenen Wavepool in Köln zu bauen. Aber nein, denn die Realität sieht ganz anders aus. Um überhaupt zweckgebundene Fördermittel zu bekommen, müssen wir einen Eigenanteil zahlen. Das heißt de Facto: Je mehr Geld wir vom Innenministerium bekommen, desto ärmer wird der DWV. In einem Verband geht es aber Gott sei Dank! nicht um die Anhäufung von Goldreserven, sondern um das sinnvolle Ausgeben der verfügbaren Mittel.

Das ist gut. Kein Kaviar, Keine Korruption! Olympia ist ein Milliardengeschäft. Im vergangen Jahr 3.6 Milliarden durch TV-Rechte, 0,89 Milliarden durch das „TOP-Marketing Program“ und die Summe X durch Sponsoren. 90 Prozent der Einnahmen werden an die olympische Familie ausgeschüttet, zehn Prozent an das IOC. Wie viel bekommen wir?

Die Blue bekommt leider nix [lacht, glaube ich]. Wenn es gut Läuft gehe ich davon aus, dass unser Olympia –und Nachwuchskader ca. 150.000€ für die Vorbereitungen der nächsten vier Jahre erhält. Sprich, einen Tropfen auf den heißen Stein. Aber Kleinvieh macht auch Mist und wir müssen dafür sorgen, dass wir mit den verfügbaren Mitteln unsere Athleten im bestmöglichen Rahmen fördern können.

Musstest du dir für den Termin endlich mal eine ordentliche Hose kaufen, Scheitel tragen und pünktlich an die Pforte klopfen oder wie kann man sich einen DOSB-Termin mit Philipp Kuretzky vorstellen?

Ich weile zurzeit in Ecuador und bin daher nur per Skype-Konferenz zugeschaltet. Deswegen halte ich es untenrum wie Jan Hofer. Mir wurde aber mitgeteilt, dass es auf der Mitgliederversammlung des DOSB deutlich streitloser zuging als auf unseren Eigenen. Ich bin zwar immer auf dem Laufenden, werde aber insbesondere bei der Kommunikation mit dem DOSB sehr gut vertreten.

Internetpräsidentschaft 2.0. Welche Menschen haben den Weg bis hierher maßgeblich mitgepflastert und den Verband zu einer spürbar wachsenden Institution gemacht?

Das gesamte Präsidium. Vor allem haben sich Philipp Keese und Tim Surtmann sehr stark eingebracht. Zusammen mit Alex Tesch, Karolin Hüner und mir bilden wir vorübergehend den Leistungssportausschuss, der die Schnittstelle zur Kommunikation mit dem DOSB darstellt. Aber auch Jens Höper, unser Chefkassierer, ist in diesem Zusammenhang von elementarer Bedeutung, da unser Nationales Olympisches Komitee haargenaue Abrechnungen und Budgetpläne sehen will.

Atombuchhaltung für ein olympisches Fieber, das Surfing Deutschland gerade im Griff hat. Vielen schwillt bei dem Gedanken noch am Stammtisch die Nasennebenhöhle an, andere sehen in dieser Entwicklung galaktische Potentiale. Viel Rauch um nichts?

Abwarten! Die Olympische Flamme wird jetzt erst einmal für Pyeongchang entzündet. Auch wenn ich enorme und wachsende Potentiale sehe, müssen wir auf dem Boden bleiben. Jetzt ist es wichtig, dass eine Vertrauensbasis zwischen DWV und DOSB geschaffen wird und wir ruhig und konzentriert unserer Arbeit nachgehen.

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Müssen wir uns jetzt als aalglatte Schwiegersohn-Sportart präsentieren oder liebt uns der DOSB so wie wir sind? Mit all unseren Fehlern, mit all unserer Pracht.

Beide Seiten werden sich wohl erst einmal so nehmen müssen wie sie sind. Der DOSB zeigt sich aber bisher sehr offen und interessiert, obwohl wir in einem so großen Verband nur einen ganz kleinen Teil ausmachen. Aber einen exotischen und deswegen glaube ich, dass uns Herr Hörmann und seine Mitarbeiter dadurch so interessant finden. Wir werden uns sicherlich verändern müssen, aber der Kern des DWV (Förderung des Spitzensportes, Förderung des Breitensportes und die Ausbildung von Surflehrern) wird unverändert bleiben. Surfen bleibt weiterhin ein subkultureller Lifestyle-Sport mit unterschiedlichsten Arten der Ausübung und verschiedensten Typen Mensch.

Prophylaktisch, Perspektivisch, Praktisch: Wie sieht es für Deutschland aus? Dürfen wir und wenn ja, wie viele? Wer entscheidet das? Wer bezahlt das? Und wer entscheidet, wer mitdarf? Und wie soll man so viele Fragen mit einem gesunden Ruhepuls beantworten?

Die Mitgliederversammlung entscheidet, wer im Fachausschuss Leistungssport sitzt. Dieser entwickelt ein Konzept zur Nominierung für Europa- und Weltmeisterschaften, welches die Mitgliederversammlung abnickt. Am Ende entscheiden aber die Judges der ESF (European Surfing Federation)und ISA (International Surfing Association) wer mit nach Tokyo darf. Der DOSB fördert wirklich nur Olympiahoffnungen.

Klare Worte! Wenn das Wörtchen „wenn“ wäre, dann wäre Deutschland bei der Eurosurf, in der Punktekategorie Nur-Surf, auf Platz Fünf hinter England gelandet. Haben wir somit, Zitat Tim Surtman (Nationaltrainer), ganz klar den Anschluss an die europäische Spitze gefunden?

Haben wir! Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Tim hat es geschafft, eine super Mannschaft zu diesem sensationellen Ergebnis zu führen. Ich wünsche mir sehr, dass er weitermacht und uns für 2024 einen Olympiasieger schmiedet.

Aber einen Iron Maiden hörenden! Somit direkt nach Sylt. Im vergangenen Jahr erzählte man sich das Märchen einer deutschen Surf-Tour. Was steckt hinter dieser Idee und welchen Stellenwert nehmen die Sylt Open, als erster deutscher Open Contest in deutschen Hoheitsgewässern, hierbei ein?

Die Sylt Open waren für uns ein voller Erfolg. Der Surf Club Sylt hat zusammen mit dem DWV einen aussagekräftigen Contest organisiert. Vielen Dank an dieser Stelle noch einmal an den Surf Club Sylt für diesen tollen Event. Diese Dynamik wollen wir aufgreifen und in diesem Jahr noch einen Contest im Süden der Republik auf die Karte werfen. Mehr Contests in Deutschland bedeuten weniger Anfahrtswege für deutsche Surfer und mehr Greifbarkeit für die heimische Medienlandschaft.

Ich hätte auch gerne mit Vince (Vincent Scholz) und den Tim’s (Schubert & Surtmann) durch die Discos von Westerland gefeiert. Anyway: Starke Pläne und der Eisbach freut sich! Bringt es dich eigentlich in Wallung, wenn ich Herr Präsident sage?

Nein [lacht..glaube ich]. Bei uns gibt es keine Chefetage. Ich sehe uns als Team, in dem sich jeder zu gleichen Teilen einbringen kann und sollte. Ich bin für Konsensentscheidungen, nicht für das Chef- Sein. Der gesamte institutionelle Apparat des DWV ́s wächst, sehr stark sogar. Und mehr Schultern können mehr Lasten tragen. Besonders erfreulich ist es, dass sich bei den Deutschen Meisterschaften mittlerweile eine beständige und ehrenamtliche Crew etabliert hat, die mit ihren Fähigkeiten hinter und vor den Kulissen Professionalisierungsprozesse eingeleitet haben von denen alle profitieren.

Ein Verband Sie alle zu einen. Auf die Zukunft du Maschine!

Muchas Gracias, Arni.

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Foto-Credit: Chris Grant