Ein verwinkeltes Schloss im Norden Schottlands. Dan Malloy wippt in einem alten Schaukelstuhl und zwirbelt seinen riesen Schnäuzer. Die geladenen Vertreter der Euro-Surfmedien sitzen ändichtig im Halbkreis um Patagonia's Wetsuit-Designer Andrew Reinhart, der einen ungeahnt ehrlichen Vortrag über die Herstellungsprozesse in der Neopren-Industrie hält. Hinter ihm am Kamin hängen Prototypen und rohe Naturkautschuk-Matten. Von den Wänden starren schottische Royals aus ihren gold-gerahmten Portraits auf die skurrile Szenerie. Es ist 12 Uhr mittags in Thurso und gefühlt seit 12 Stunden hell - Wir haben schon 2 Sessions in den Knochen und sind dankbar für die kurze Pause.

2018 Yulex Scotland A84i8564

Andrew's zweieinhalbstündige Präsentation hat es dann aber dermaßen in sich, dass die meisten erstmal ziemlich gerädert sitzen bleiben. Die Neopren-Industrie ist ein verdammt dreckiges Unterfangen: Angefangen bei den Materialien, über die Herstellungsprozesse, bis zu den Fabrik-Kartellen in Thailand.

Fair-Trade Certified

Die Situation ist wesentlich übler als man ahnen kann und Ansätze wie Patagonia's neoprenfreie Yulex Wetsuits sind mehr als nur Öko-Nischenprodukte. Sie sind das Ergebnis jahrelanger Arbeit hinter den Kulissen der Surfindustrie und ein erster, wichtiger Schritt, um die gesamte Branche zu verändern. Das Product-Development Team um Andrew und Lead-Designer Hub Hubbard hat seit 2016 für die Fair-Trade Zertifizierung der weltweit größten Wetsuit-Fabrik, Sheico, gekämpft. Mit dieser neuen Generation neoprenfreier Wetsuits ist das komplette Sortiment Fair-Trade Certified. Dies schafft eine Produktionsgrundlage innerhalb der Fabriken, die es (allen) anderen Firmen erleichtert, ihre Produkte zertifizieren zu lassen und die Arbeiter/innen zu unterstützen.

Patagonia Sheico Worker

Für jeden hergestellten Wetsuit erhalten sie eine Prämie, die nach eigenem Ermessen als kollektive soziale Investition verwendet werden kann, um die Lebensumstände vor Ort zu verbessern. In den Surfshops wird an den Ärmeln gezerrt und über die neuste Technologie gefachsimpelt, aber wer macht sich wirklich Gedanken über die Arbeitsbedingungen in den Fabriken - oder über die chemischen Herstellungsprozesse? Die gesamte Industrie hat diese Menschen, die oft an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, bisher übersehen. Patagonias Initiative zielt auch darauf ab, Surfer und Entscheidungsträger für dieses Thema zu sensibilisieren.

Patagonia Yulex Suit Tree

Patagonia Kautschuk

Patagonia Sheico Factory Production

Patagonia Yulex Wintersuit

R4 Front-Zip Hooded: Wetsuit Review

Mit einer leistungsfähigen Alternative wie den Yulex-Wetsuits, soll ein wachsender Trend zu besseren Produktionsverfahren und Materialen gestartet werden. Und genau deswegen drückte uns Andrew zu Beginn des Jahres allen einen Prototypen der neuen Kollektion in die Hand. Um ein gutes Gefühl für die Unterschiede zu kriegen, habe ich für diesen Testbericht die komplette Wintersaison zwischen Patagonias R4 Front-Zip Hooded, dem O'Neill 6/4 Psychotech und dem 5/4 von Srface gewechselt (den Review dazu gibt's nächste Woche).

Patagonia Yulex Trip Dan Malloy

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Gleich vorweg, der R4 ist mit Abstand der wärmste, trockenste Wettie, den ich je hatte. Bei windigen Nordsee-Sessions im tiefsten Winter ist das super, aber bei den milderen Frühlings-Temperaturen in Thurso bin ich in dem Ding fast eingegangen. Man sollte sich bei Patagonias Anzügen also wirklich an die Temperatur-Vorgaben halten. Außerdem sollte man etwas Geduld haben, denn es dauert ungewöhnlich lang, bis der R4 eingetragen ist. Die neuen Yulex-Suits sind wesentlich leichter als die vorherigen Modelle und trocknen schnell. Allerdings muss man aktiv daran arbeiten, das Material zu dehnen und die ersten paar Sessions vor allem gegen den recht starren Schulterbereich ankämpfen. Der Einsatz wird letztendlich aber mehr als belohnt, denn das Highlight des R4s ist seine Passform. Auch wenn der Psychotech merklich flexibler ist, ist der R4 bei Temperaturen unter 9°C meine erste Wahl: Er sitzt perfekt, scheuert nirgends, fällt in dezentem Schwarz nicht unnötig auf und hat die bisherigen fünf Monate Einsatz ohne sichtbare Gebrauchsspuren überstanden. Und sollte das Material doch irgendwo nachgeben, kann man den Anzug kostenlos einschicken. 550€ ist natürlich eine Ansage, doch der R4 macht garantiert länger mit als die Konkurrenz, ist der erste Beweis einer wirklich leistungsfähigen Neopren-Alternative und steht für einen symbolischen Neuanfang, der die Chance verdient hat, diese Industrie nachhaltig zu beeinflussen.

Patagonia Yulex Trip Campfire

Fotos: Al Mackinnon & Jan Blaffert

Credits: Patagonia