In Kapitel 3 geht es für Blue Autor Tom Frey bei der Suche nach einer mediterranen Ersatzdroge für den Atlantik mit der Etappe Korsika ans Eingemachte. Korsika ist bekanntermaßen eine Insel deren Bewohner seit Jahrhunderten versuchen ihre Eigenständigkeit gegen wechselnde Besatzer zu wahren. Weniger bekannt ist, dass die Insel selbst eine separatistische Agenda verfolgt und sich vor ein paar Jahrtausenden einfach mal vom französischen Festland abgetrennt hat und seitdem stetig in die offene See abdriftet.

Korsika Medthadon Blue Magazine

Korsika Bonifacio

Durch diesen Separatismus hat die Insel nun eine Swell-strategisch äußerst günstige Lage im Mittelmeer erreicht. Ihre Abstammung von den Seealpen kann Korsika aber weiterhin nicht verbergen, die Insel ist im Wesentlichen ein großer Berg in tiefem Wasser. Das führt wie überall da wo steile Berge auf das Meer treffen zu wunderbaren Landschaftspanoramen und einer äußerst zerklüftete Küste. Diese zerklüftete Küste ist für den wellensuchenden Reisenden Fluch und Segen zugleich. Unzählige Buchten und Riffe versprechen potenzielle Surfspots für die verschiedensten Swell- und Windrichtungen und sind dabei gleichzeitig so schwer zu erreichen, dass man Jahre brauchen würde um sich das Wellenpotenzial der Küsten auch nur halbwegs zu erschließen. So hatte denn auch unser Forschungsreisender trotz zwei früheren Aufenthalten auf der Insel wenig bis gar keinen Plan, wohin er denn konkret fahren sollte für Wellen, die den Atlantik hätten vergessen machen können. Klar war nur, dass westliche Winde im westlichen Mittelmeer an der Westküste der Insel flüssige Falten aufwerfen würden.

Korsika Capo Di Feno

 Korsika Roccapina

Die ersten drei Tage nach der Fährüberfahrt gönnte sich das Mittelmeer eine Pause, die von Tom für Wanderausflüge in die fantastische Gebirgslandschaft im Nordwesten der Insel genutzt wurde. Für die danach anstehende Periode mit westlichen Winden und dementsprechenden Swells wurde die Westküste südlich des Golfs von Porto angesteuert. Im Gegensatz zum völlig unzugänglichen nördlichen Abschnitt der Westküste ist dieser Bereich wenigstens halbwegs vernünftig erreichbar.
Vorbei an einigen nach Westen ausgerichteten Buchten mit einem Mix an felsigen Landzungen und sandigen Stränden, die aber allesamt für die vorhergesagte Windrichtung zu exponiert waren, ging es dann an ein Kap in der Nähe der Geburtsstadt Napoleons. Das Kap und die dazugehörige Bucht schienen laut Karte am besten geeignet für den angekündigten 10 Fuß @ 10 Sekunden Westswell und den von West auf Nord drehenden Wind.

Korsika Capo Di Feno 7

Korsika Capo Di Feno 3

Die nicht ganz einfach zu findende Bucht erwies sich dann als landschaftliches Highlight, hatte einen Beachbreak und ein paar Riffe im Angebot und hatte bei Westwind und der Wellengröße erst einmal nur unsurfbaren Mega-Closeout im Angebot. Als der Wind dann die richtige Richtung hatte erwies sich der Beachbreak weiterhin als überfordert während das Riff in der Mitte der Bucht doppelt kopfhohe spuckende Tubes produzierte die ein bisschen nach El Quemao aussahen. Ein Jetski wäre jetzt gut gewesen und sehr gute Fitness plus jahrelange Erfahrung mit hohl brechenden Riffwellen. Da alle drei Kriterien nicht erfüllt waren, musste der erste Tag mit relevanten Wellen ungesurft verstreichen. Zu groß und zu heftig war es in dieser Bucht.

Korsika Capo Di Feno 4

Korsika Capo Di Feno 2

Am folgenden Tag war der Swell etwas kleiner und der Wind blies aus der richtigen Richtung. Der Beachbreak in der Bucht begann zu arbeiten und wenn man es nach einer Duckdive Orgie nach draußen schaffte und die stark shiftenden Peaks richtig las, konnte man sehr sehr nette Wellen surfen. Bonus war strahlender Sonnenschein, sehr angenehme Luft- und Wassertemperaturen sowie ein Rudel Adler, die majestätisch über der Bucht kreisten. Einen weiteren Bonus bemerkte Tom leider erst sehr spät. Kurz vor Sonnenuntergang entdeckte er durch die lange Kameralinse eine kleine Gruppe von Surfern, die erstaunlich große Wellen an einem weiter draußen liegenden Riff surften. Bei genauerer Erkundung nach einem längeren Marsch entlang des Sandstrands und der felsigen Küste stellte sich der Break als sehr anspruchsvolle Rechte heraus, die als Slab zu brechen begann und gut 100 Meter weiter lief. Diese Welle war nicht nur für mediterrane Standards ziemlich gut.

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Korsika Iles Sanguinieres 3

Korsika Iles Sanguinieres

Mit der Zeit stellte sich heraus, dass der Beachbreak gut werden konnte, das aber nur selten tat. Die fehlenden Tiden führen, wie so oft am Mittelmeer dazu, dass sich kaum wirklich gute Sandbänke bilden. Das Riff dagegen lief immer dann, wenn die Wellen groß genug waren, mit der Präzision eines Uhrwerks. Allerdings bedeutete das, dass es somit auch nur wirklich guten Surfern vorbehalten blieb, die in der Lage waren, die erste slabby-Sektion der Welle zu meistern. Später fand sich allerdings noch ein exquisiter Point Break, der sowohl Longboard als auch Shortboard geeignet war und auch bei Onshore noch ziemlich brauchbare Wellen kreierte. Dazu ein weiterer Slab, aber der war wiederum nur Surfern vorbehalten, die die sehr reale Chance auf trockenem Riff aufzuschlagen nicht vom Takeoff abhielt. All diese Wellen befinden sich auf einem ca. 15 Kilometer langen Abschnitt der korsischen Küste zwischen 5 bis maximal 20 Minuten Autofahrt von der vorher erwähnten Geburtsstadt des Kaisers entfernt. Auf kurzen Wegen – und das ist auf der Insel sehr selten – sind hier sehr brauchbare Wellen, atemberaubende Natur sowie die Kultur und unzählige Restaurants und Kneipen der Stadt zu haben. Bei derartigen Randbedingungen ist es dann auch nicht überraschend, dass die Lineups auch an Wochentagen nicht verwaist waren, aber im Vergleich mit anderen europäischen Surf Cities blieb es sehr entspannt. Der allgemeine Skill Level der lokalen Surfer ist dabei ziemlich hoch, ein untrügliches Indiz dafür, dass hier recht regelmäßig Wellen laufen.

Korsika Moorea

Korsika Les Calanches

Während Toms Aufenthalten auf der Insel gab es an 12 von 16 Tagen surfbare Wellen. Das Erkundungsgebiet beschränkte sich dabei auf die besagten rund 15 Kilometer in der Nähe der Hauptstadt. Die Variabilität der Wellen muss dabei mit dem Atlantik keinen Vergleich scheuen. Oftmals kommen die Windsysteme, die den Swell erzeugen aber der Insel zu nahe und die Wellen sind oft begleitet von stärkerem Wind. Die Küste und vor allem prominentere Halbinseln bieten zwar immer eine Ecke an, an der der Wind wenigstens side-offshore bläst oder von der Steilküste abgedeckt wird, aber zu wissen, ob und wann dann tatsächlich auch noch eine Welle den Weg in die geschützte Bucht schafft, erfordert viel lokale Erfahrung. Ohne die reißt man schon mal eine Menge Kilometer auf kurvigen schmalen Straßen umsonst ab.

Korsika Niolo

Korsika Bastia

Fazit: Die auf felsigem Untergrund brechenden Wellen der Insel können durchaus mit atlantischen Breaks mithalten. Von den Optionen für unterschiedliche Wind- und Wellenrichtungen kann die französische Atlantikküste unterhalb der Bretagne nur träumen. Leider ist bei Swell aber fast immer auch Wind, glasige Tage mit Wellen sind extrem selten. Und die Beachbreaks sind nicht annähernd so gut wie die am Atlantik. Dafür ist die Swellhäufigkeit von Oktober bis April mit rund 75% ziemlich gut. Und falls man doch mal das Pech hat und das Mittelmeer für mehr als 2 Tage komplett den Dienst einstellt, bieten die Berge sehr lohnenswerte Alternativen (im Winter kann man da sogar richtig gut Skifahren). Wenn man nur surfen auf der Agenda hat, kann Korsika nicht ganz den Atlantik ersetzen. Aber die Panoramen, die man hier vom Lineup aus hat, suchen ihresgleichen. Und wer Bock auf The Search hat findet hier noch viele weiße flecken auf der Surferlandkarte!