Sardinien hat eine Küstenlänge von knapp 2000 Kilometern und liegt weit genug im offenen Mittelmeer, um Wellen aus allen Himmelsrichtungen abzufangen. Unzählige felsige Buchten, Riffe, kleine und große Sandstrände, sowie eine ganze Reihe von strategisch günstig gelegenen Halbinseln bieten fast unendliches Entdeckerpotenzial, solange man bereit ist viel zu fahren - meistens auf schmalen und kurvigen Straßen - und einen kleinen Fußmarsch nicht scheut.

Sardinien Cover

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Blue Autor Tom Frey stellte sich daher mental auf einige Autostunden auf schlaglochübersäten Straßen und den ein oder anderen vergeblich zurückgelegten Weg ein, als er nach einwöchigem Aufenthalt auf Korsika die kurze Fährüberfahrt nach Sardinien antrat. Der Aufenthalt auf der nördlichen Nachbarinsel war deshalb so kurz geblieben, weil die Wettervorhersagen ein ausgeprägtes Genua Tief angekündigt hatten. Und bei so einem Tief kannte Tom eine Halbinsel an der Westküste, die garantiert nicht der falsche Ort sein würde, um auf die vorhergesagten Wellen zu warten.

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An dieser Halbinsel brechen sieben verschiedene Wellen innerhalb eines Radius von zwei Kilometern. Kräftiger Nordwestwind, der oft, aber nicht immer mit dem Swell einhergeht, ist an mindestens zwei dieser Wellen offshore bis sideoffshore, während der Swell noch die Kurve kriegt. Das besagte Genua Tief sorgte nun für fünf Tage Wellen. Samstags brachen erst an der exponierten Westseite annähernd double-overhead Bomben bei leichtem Offshore. Mittags drehte der Wind und die Südküste hatte je nach Spot zwischen hüfthoch und deutlich über kopfhoch alles zu bieten, wieder bei ablandigem Wind. Sonntag und Montag blies kräftiger Nordwestwind und für Surfer reduzierte sich die Auswahl auf einen schulterhoch brechenden Logger Spot und wieder sehr solide Riffwellen bei kräftigem Side-Offshore. Dienstag kam der Wind in geringer bis mittlerer Stärke aus Nord was das Riff an der „geschützten“ Stelle der Halbinsel zu einer Pipeline-Imitation animierte, während die angrenzenden Points ebenfalls am feuern waren. Am exponierten Riff weiter südwestlich war Big Wave Surfing angesagt. Mittwoch sollte der Swell eigentlich vorbei sein, aber das exponierte Riff an der südwestlichen Spitze der Halbinsel lieferte noch den ganzen Tag kopfhohe Wellen bei konstantem Offshore.

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Fünf solche Tage am Atlantik wären 5 epische Surftage gewesen. Glück gehabt? Nun, in den 4 Wochen von Mitte November bis Mitte Dezember gab es noch unzählige Tage mit ähnlichen Bedingungen, einen ganzen Tag mit leichtem Offshore an der Westküste mit doppelt kopfhohen Wellen und einer erneuten Pipeline-Imitation sowie vereinzelte Tage mit brusthohem Restswell bei Windstille. Prognostizierte 3 Meter Swell mit 11 bis 12 Sekunden Periode können zu sehr heftigen Hold Downs führen, oder dich mal gute 300 Meter das Riff entlang in die nächste Bucht spülen. Das Step-Up Board und eine stabile Leash sollten für die größeren Wellen auf jeden Fall im Boardbag sein. Nicht ganz so fitte Surfer und Longboarder finden immer einen Alternativspot, an dem man entspannt seinen Spaß haben kann.

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Italienischen Surfern ist natürlich längst bekannt, was für Schätze sie auf dieser Insel haben und bei entsprechender Vorhersage schnellen die Passagierzahlen der Fähren zum Festland abrupt in die Höhe. Du wirst also selten alleine hier im Wasser sein und es gibt die Tage, an denen es an den Top Spots zu voll wird. Du hast aber auch noch 1990 weitere Küstenkilometer zur Auswahl um dir einsamere Wellen zu suchen.

Sardinien Barrel

Unser Ersatzdrogentester blieb während der 4 Wochen auf der Insel allerdings die meiste Zeit auf dieser einen kleinen Halbinsel und nutzte nur die wenigen Tage, an denen es flach war, für Ausflüge an andere wunderschöne Ecken Sardiniens und zwar explizit nicht zum Surfen.

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Um nun die Ausgangsfrage zu beantworten, ob das Mittelmeer den Atlantik ersetzen kann: ja, zumindest in Sardinien im Zeitraum von November bis März. Ein zweites Nazaré oder Mundaka wirst du nicht finden. Dafür aber hervorragende Riffwellen, die von keinerlei Tide beeinflusst werden sowie den ein oder anderen brauchbaren Beachbreak.
Dank der zerklüfteten Küste und der Insellage findet sich bei Wind immer eine geschützte Bucht. Swell aus Westen (der Hauptwindrichtung) hat bis zu 1000 Kilometer Anlauf, Nord- und Südswell sind auch immer noch um die 500 Kilometer unterwegs, bevor sie auf Sardiniens Küsten treffen und selbst östlicher Windswell kommt mit ein paar hundert Kilometern Anlauf aus tiefem Wasser. Blue Autor Tom Frey hat nun jedenfalls ein Problem: jeden Herbst wird sich nun die gleiche Frage stellen: Wohin im Winter? An den Atlantik? Oder doch ans Mittelmeer?

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Credits

Fotos: Tom Frey