Valerie Duprat Opener

Eine französische Vollzeit-Wissenschaftlerin und Mutter von zwei Kindern: Valerie Duprat passt auf den ersten Blick gar nicht in das typische Bild eines Shapers.

Auch wenn ihr bisheriger Lebensweg nicht dem Klischee entspricht, das die Surfszene mit der Kunst, aus einem groben Blank ein Surfboard zu schnitzen, verbindet: Valerie Duprat gehört ganz klar in die Shaping Bay. Denn das klischeehafte Bild gibt es in der Realität nicht, die Surfszene ist zum Glück geprägt von Freigeistern, Rebellen und Kreativen, die sich nicht in eine Schublade stecken lassen. Auch Valerie folgte ihrer kreativen Ader und Intuition, als sie vor zehn Jahren mit dem Shapen begann. 300 handshaped Boards später ist sie in der Szene respektiert.


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Valerie möchte nicht als weibliche Shaperin, sondern einfach als Shaper*in wahrgenommen werden. Trotzdem ist sie eine von nur wenigen Frauen, die shapen. Und damit ein wichtiges Vorbild. Denn die meisten Board-Shaper sind immer noch Männer, nur wenige Frauen trauen sich an die Materie ran. Das war vor zehn Jahren, als Valerie ihr erstes Board fertigte, noch extremer. Damals gab es nur eine Handvoll weibliche Pionierinnen, etwa Cher Pendarvis. Laut Surfing Heritage Museum ist die Künstlerin und Surferin die erste Board-Shaperin, die ihnen bekannt ist. Inzwischen gibt es aber immer mehr Frauen, die sich einen Namen gemacht haben. Der „Wind of Change“ ist auch in diesem Bereich der Surfszene spürbar. Letztes Jahr wurde Valerie von dem legendären Shaper Pat Rawson und dem Organisator Scott Bass eingeladen, um beim „Icons of Foam“-Contest der Boardroom Show 2021 gegen einige Legenden der Szene anzutreten. Eine echte Auszeichnung. „Es gibt definitiv einen Wandel in der Shaping Bay, er schreitet nur langsamer voran als im Wasser. „Im Moment sehen wir noch viele Künstler der älteren Generation Hand anlegen, aber es kommen immer mehr motivierte, talentierte junge Frauen nach“, so Valerie.

 

Das erste handshaped Board


Bei Valerie begann alles mit einem Blank, ein paar Werkzeugen aus dem Baumarkt und einer DVD mit dem Titel „Surfboard Shaping 101“. „Ich hatte gerade ein ramponiertes Brett restauriert, das ich am Strand gefunden hatte, und dachte, es würde mir Spaß machen, ein Brett von Grund auf zu bauen. Und schon war ich dabei, mein erstes Surfboard zu shapen, draußen in meinem Garten mit minimalem Werkzeug.“ Das Shapen machte ihr so viel Spaß, dass sie, als das erste Board nach sechs Monaten und tausenden Google-Suchen fertig war, ein zweites Blank kaufte, um ein weiteres Board für ihre Familie zu shapen. Das erste Surfboard machte sie für ihren achtjährigen Sohn, der zufälligerweise bei einer Schulveranstaltung das Board von Rob Machado signieren ließ. Viel gesurft wurde das erste Surfboard von Valerie nicht, aber sie hat es immer noch zu Hause, als Beweis, wie weit sie seitdem gekommen ist. „Als rationaler Mensch wusste ich, dass mein erstes Brett nicht das Beste sein würde, aber ich war trotzdem sehr stolz darauf.“

Valerie Duprat Shaping

Nach den ersten Boards für die Familie shapte sie für Freunde, dann für Freunde von Freunden und inzwischen für Surfer:innen, die sie über Social Media unter dem Markennamen Mere Made Surfboards kontaktieren.

„Ganz am Anfang haben mich die Leute nicht ernst genommen, aber das war mir ehrlich gesagt egal, denn es ging mir ums Handwerk und nicht ums Geschäft. Ein paar Mal wurde ich in den sozialen Medien gemobbt, per E-Mail oder SMS beleidigt, aber zum Glück war ich mental stark genug, mich nicht darauf einzulassen und die negative Energie als Motivationsschub zu nutzen. Es ist leicht, sich auf das Negative zu konzentrieren, aber 90 % der Menschen haben mich auf meinem Weg sehr unterstützt, wie einige Master Shaper, aber auch Journalisten, Autoren, Fotografen und Filmemacher, die alle dazu beigetragen haben, meinen Weg ins Rampenlicht zu rücken und weibliche Shaperinnen sichtbarer zu machen.“

Science, Surfing & Shaping


Geplant war das alles nicht. Valerie wuchs landlocked in Frankreich auf und dachte lange, es sei ihr Traum, in den verschneiten Bergen zu leben. Ihr Doktortitel in Biochemie führte sie eher zufällig raus aus der Stadt zu einem Stipendium nach Kalifornien, was ihr wiederum eine Stelle als Wissenschaftlerin bei einem Biotech-Unternehmen, ebenfalls in Kalifornien, einbrachte. Um ihren anstrengenden Job auszugleichen, begann sie 2003 mit dem Tandem-Surfen. Auch das sehr erfolgreich: Mit ihrem französischen Tandempartner nahm sie 2005 an den ersten Tandem-Weltmeisterschaften in Waikiki teil. Mit dem Bedürfnis, selbst die Kontrolle über das Board zu haben, begann sie mit dem Wellenreiten und wurde schnell süchtig nach dem Gefühl „auf den, von der Natur angetriebenen, flüssigen Schwingungen zu gleiten“, wie sie es als Wissenschaftlerin beschreibt.

Valerie verbringt viel Zeit auf dem Wasser. Wenn die Wellen gut sind, schnappt sie sich selbst ihr Board, meist das Brett, das sie zuletzt für sich geshaped hat, und geht an ihrem Homebreak in Encinitas surfen. „Meine liebsten Tage sind die, an denen ich erst shape und den Staub dann mit einer glassy Sunset-Session mit meiner Familie abwasche“, erzählt Valerie, die ihren lilafarbenen Shaperoom im Garten stehen hat.

Valerie Duprat Boards

Ihre Kunden verzeihen ihr gern, länger auf ihre Order warten müssen, wenn der Swell gerade gut ist. Immerhin shaped Valerie nur in ihrer Freizeit.

„Mere Made Surfboards mag professionell klingen, aber die meisten Leute haben keine Ahnung, dass ich immer noch in meiner Freizeit Surfboards shape, während ich meinen Vollzeitjob als Wissenschaftlerin und zwei Kinder jongliere.“

Warum sie sich das neben ihrem anstrengenden Beruf und als zweifache Mutter antut? Weil es sie glücklich macht, wie sie sagt. Sie liebt es, etwas Einzigartiges für jemanden zu erschaffen, was denjenigen hoffentlich ebenfalls glücklich macht.

Doch es ist nicht so leicht, für jemanden ein Surfboard zu shapen, immerhin sucht jeder das „Magic Board“. Manchmal überkommen Valerie deshalb Zweifel: „Wegen meiner Unsicherheiten und Selbstzweifel bin ich nie ganz zufrieden, wenn ich ein Board fertig habe. Ich muss mich zwingen, irgendwann aufzuhören, sonst würde ich ewig weitermachen! Es ist ein Fluch und ein Segen: Immer zu hinterfragen, was ich tue, bringt mich dazu, mich zu verbessern und neue Wege zu gehen.“

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Ihren eigenen Shaping-Weg hat Valerie auch durch die Hilfe von zahlreichen Shaper-Legenden wie Matt Kinoshita, Shaper von Kazuma Surfboards, David Charbonnel, Axel Lorentz oder Eric Arakawa gefunden. Sie öffneten ihr die Türen zu ihren Shaperooms und gaben ihr viele hilfreiche Tipps. Diese wegweisenden Kontakte kamen alle eher zufällig zustande, denn als Valerie merkte, dass das Wissen in der Branche wie ein gut behütetes Geheimnis von Generation zu Generation, von Männern an Männer, weitergegeben wird, wollte sie sich nicht aufdrängen. Doch als sie die Shape Master kennenlernte, waren sie gerne bereit, ihr auf ihrem Weg zu helfen.

„Social Media und die Tatsache, dass ich eine der wenigen weiblichen Shaper war, haben mir sicherlich geholfen, die Türen der berühmtesten Shaping Bays zu öffnen! Als die Legende Matt Kinoshita mich mit einem beiläufigen Instagram-Kommentar einlud, seine Fabrik zu besuchen, wollte ich diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen und buchte gleich für den nächsten Monat mein Ticket nach Maui.“

If it looks good, it will ride good


Valerie nutzt jede Gelegenheit, von erfahrenen Shaper:innen zu lernen und möchte sich mit jedem neuen Board verbessern. Board Shaping ist eine alte Handwerkskunst, in der viel geforscht und entwickelt wurde. Manche Shapes werden kaum gesurft, da sie nicht oder zumindest nicht für die breite Masse funktionieren, andere haben sich durchgesetzt und bestimmen auch Jahrzehnte später noch die Lineups. Auch Valerie arbeitet mit bestehenden Kurven und Board-Features, die sich im Laufe der Zeit bewährt haben, und passt sie an das an, was sie mit dem jeweiligen Board erreichen will.

„Jemand hat mir einmal gesagt: ‚Wenn es gut aussieht, fährt es sich auch gut.‘ Ich bin meist auf der Suche nach harmonischen Linien, sei es die Outline oder der Foil eines Boards. Da ich, wie bereits erwähnt, von mehreren legendären Shapern ausgebildet wurde, ist mein Stil ein Schmelztiegel ihrer jeweiligen Einflüsse.“

Durch die verschiedenen Herangehensweisen, die sie bei anderen kennenlernte, erkannte sie, wie unterschiedlich die Techniken sein können, obwohl sie doch die gleichen Ziele verfolgen. Viele Wege führen nach Rom und noch mehr zum fertigen Surfboard.

Valerie Duprat Shaping Detail

Ungefähr 2,5 Stunden braucht Valerie, um ein 6`0 Shortboard zu shapen. Doch das ist nur ein Teil des Prozesses. Los geht ihre Arbeit, die sie lieber als Kunst bezeichnet, mit dem ausführlichen Kundengespräch, dem Festlegen der Maße, dem Zeichnen der Outline, dem Wählen des Volumens, dem Abrunden der Rails, dem Hinzufügen einer doppelten Konkave, dem Platzieren der Finnenkästen:

„Alles ist miteinander verbunden und trägt dazu bei, wie sich das Board auf der Welle unter den Füßen des Surfers verhält.“

Shapen ist für Valerie eine große Leidenschaft, bei der sie alle ihre Sinne involviert. Ihre Intuition und ihr Gefühl sind dabei ebenso wichtig wie ihre langjährige Erfahrung. „Ich scherze immer, dass ich mit den Augen fühle und mit den Händen schaue, denn Augenlicht und Tastsinn sind die beiden Sinne, die bei der Formgebung kombiniert werden. Ich höre auch auf das Geräusch des Hobels, um die Tiefe des Schnitts zu bestimmen. All diese Fähigkeiten werden mit zunehmender Erfahrung immer besser.“

Und damit ihre Leidenschaft für diese Handwerkskunst so intensiv bleibt, wird Valerie weiterhin nur in ihrer Freizeit shapen. Sie möchte auf keinen Fall Vollzeit-Shaperin sein, denn das Geheimrezept von ihrer Brand Mere Made Surfboards ist, dass es kein Business ist. Es geht nicht ums Geld verdienen, sondern um den Spaß und die Kreativität dabei. Und ihr Shaping-Weg hat noch einen weiteren positiven Aspekt:

Sie inspiriert andere Frauen, ihrem Herzen zu folgen und zeigt, „dass es möglich ist, gegen alle Widerstände einen völlig unerwarteten kreativen Weg einzuschlagen und mit harter Arbeit und Entschlossenheit Erfolg zu haben. Wenn ich es kann, kann es auch jede andere schaffen!“

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