Gastbeitrag: Thomas Zielinski

Vor gut zwei Jahren hörte ich zum ersten Mal von dem Buch Barbarian Days, dessen Autor zum damaligen Zeitpunkt gerade mit dem Pulitzer-Preis für die beste Biographie ausgezeichnet wurde. Pulitzer-Preis? Für Literatur, in der es sich viel ums Surfen dreht? Klar, dass ich da neugierig wurde. Denn Bücher über das Surfen habe ich gewöhnlich bereits nach ein paar Seiten gelangweilt beiseitegelegt und nie wieder angefasst.

Aber dieses Buch war tatsächlich anders. Entgegen jeglicher Klischees und oberflächlicher Beschreibungen diverser Momente im Wasser gab es hier wirklich Tiefgang und vor allem eine Sprache, die mich Wort für Wort, Satz für Satz und Seite für Seite immer weiter hineingezogen und somit durch zahlreiche aufregende Momente im Leben des William Finnegan mitgenommen hat.

Umso ehrfürchtiger war ich also vor der Verabredung mit ihm in Berlin. Als Treffpunkt war das Cafe A.Horn in Kreuzberg ausgemacht, wo ich mich kurz vor 17 Uhr an einem leeren Tisch unter den Buchen setzte. Mein Handy vibrierte und eine SMS poppte auf: „Hi Thomas, I´ll be there in 10 Minutes, sorry for the delay. Bill“. Bill, so erfuhr ich später, wird William Finnegan wohl in seinem engeren Umfeld genannt.

Leicht nervös ging ich also nochmal meine Fragen durch als plötzlich eine Hilfskraft des Cafés auf mich zustürmte und meine, dass ich hier nicht bleiben könne. Ab 17 Uhr sei das komplette Café für eine Hochzeitsveranstaltung reserviert. Panik-Modus an. Wo krieg ich jetzt auf die schnelle eine neue Location her, in der es einigermaßen ruhig ist? Der Prinzessinnen-Garten sei doch super, meinte die Dame, er sei auch nur fünf Minuten entfernt. Ein Blick auf Google verriet mir locker 15 Minuten Fußweg, nicht ganz so kurz also, aber machbar.

„Hoffentlich ist das auch okay für Herrn Finnegan“ spukte es mir durch den Kopf. Also schnell eine SMS an ihn mit Erläuterung der Lage - prompt kam die Antwort: „Let´s meet at Cafe A.Horn and from there we go for a walk.“ Glück gehabt. Und da hielt auch schon sein Taxi vor dem Café. Nach gefühlter Ewigkeit stieg Mr. Finnegan aus dem Auto, begrüßte mich freundlich und fragte verlegen, ob ich 15 € hätte, da der Taxifahrer keine Dollar nähme.

Das Taxi fuhr ab und so schlenderten wir entspannt in Richtung Prinzessinnengarten. Irgendwie surreal dachte ich, neben dem hochgewachsenen William Finnegan herumspazierend, der mich freundlich durch seine silberne Nickelbrille anschaute und mir von seinem bisherigen Aufenthalt in Berlin erzählte. Surreal, hier neben der Person entlang zu spazieren, über deren Leben ich schon so viel gelesen hatte. In Berlin war er übrigens noch nie zuvor. Im Prinzessinengarten angekommen, stellen wir uns in die Schlange und orderten jeweils eine Pizza und Limo und setzten uns an einen der zahlreichen Klapptische, die genauso wild durcheinander aufgestellt waren, wie die Bäume die hier mittendrin wuchsen.
Ich mag das ja. Bill scheinbar auch. Er meinte, diese experimentellen Ecken in der Öffentlichkeit, so wie man sie Berlin oft sieht, findet man in New York eher selten. Es gäbe dort einfach zu viele Auflagen, was so eine Location wie den Prinzessinengarten nahezu unmöglich mache.

Und so begannen wir zu plaudern, Auge in Auge, zur Kulisse des Stimmengewirrs der übrigen Gäste und dem permanenten Aufrufen diverser Nummern des Pizzabäckers, die er in den sommerlichen Abendhimmel Berlins rief. Und trotzdem waren wir gefühlt gerade an etlichen Küsten dieser Welt gleichzeitig. 

Hier geht's zum Podcast in voller Länge.

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Credits

Thomas Zielinski / Get Wet Soon

Christoph Leib