Lea

 

Dieser Artikel erschien im Blue Yearbook 2019. Gedruckt liest es sich immer noch am besten.
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Léa betrachtet das Surfen als Schule des Lebens und verewigt diese Vision auf ihren Reisen, sei es in den kalten Gewässern Norwegens oder in den Tropen.
In einer Zeit, in der Frauen ihren rechtmäßigen Platz in der Welt des Boardsports einnehmen, gehört Léa Brassy zu jenen, die diese „Surferleben-Fantasie“ vor allem durch die Eroberung ihrer eigenen Existenz und Freiheit prägen. Beeinflusst von bretonischen Hippies wusste Léa, die Nomadin, immer schon, wie sie mit dem Wenigen, das ihr zur Verfügung steht, sehr weit kommen kann. Bei ihren Entscheidungen berücksichtigt Léa grundsätzlich den schonenden Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen, und achtet darauf, Raum für Begegnung zu schaffen und ihre größtmögliche Freiheit zu wahren.

 

Die Erinnerungen an ihre Kindheit in der Normandie werden von romantischen Begegnungen mit dem schaumweißen Meer geprägt, eine Art Welt, die es zu erobern gilt. „Durch Stürme wandelnd, schwindlig vom Duft des Schaums, der mir im Wirbelwind ins Gesicht flog.“ Bereits im zarten Alter von 11 Jahren surfte sie mit ihrem Bruder die Wellen von Wissant. Mit 16 Jahren kam sie nach Biarritz und mietete sich ein Zimmer unweit des „Grande Plage“, wo sie bei jedem Wetter zu Fuß surfen gehen konnte. Auch wenn sie Surfen als Wettkampfsport anerkennt, ist dies nicht ihr Weg. Als Teenager hatte sie nicht genug Selbstvertrauen, um sich durchzusetzen. Gelähmt und frustriert davon, sich in Stresssituationen nicht so ausdrücken zu können, wie es ihr beim Freesurfen gelang, nutzte sie das Reisen, um einen anderen und eigenen Bezug zur Welt aufzubauen. So entdeckten sie und ihr Bruder an Bord des minimalistischen Wohnwagens ihres Großvaters die Freuden des Herumstreifens von Portugal bis Irland.

 

Nach einer ersten Solo-Reise nach Marokko im Alter von 19 Jahren verbringt sie einige Monate allein in einem Van in Neuseeland. Diese vier Monate außerhalb der Touristensaison bringen Léa auf den Geschmack nach großen Wellen und heftigen Verhältnissen. Nicht im Bikini, sondern in einem 4/3mm Wetsuit entdeckt sie die Freuden des südlichen Winters der Nordinsel und ihrer endlosen Pointbreaks. Wenn sie nicht in den Wellen ist, befindet sie sich im Wald – zwei Welten, die sie für unterschiedlich hielt, die ihr aber dieselben Momente der Kontemplation offenbaren. Eines Tages zeigt ihr eine Frau ein Marae, einen heiligen Ort der Maori. Dieses Erlebnis ist für Léa von größter Bedeutung. „In ihrer Geschichte betonte die Frau eine grundlegende Wahrheit in der Wahrnehmung der Natur durch die Maori: Ein Kind gehört zu der Erde, auf der es geboren wurde, und schuldet ihm sein ganzes Leben lang Respekt und Schutz. Wäre ich als Maori geboren, stammte ich aus diesem Fluss, diesem Hügel, diesem Strand, dieser Ebene, diesem Wald, und ich schulde ihnen Respekt und Schutz. Ich erinnere mich, dass ich von Emotionen überwältigt war, ich weinte, ohne mich zu verstecken, denn diese Frau hatte gerade in Worte gefasst, wovon ich schon immer überzeugt war.“

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Manchmal erlebt man in den kleinsten Vehikeln die größten Abenteuer. Und Léa Brassy wird das bestätigen können. Zurück in Europa übernimmt sie das Steuer des „Maskottchens“, des guten alten Citroen C-15-Autostars ihres Großvaters. Der kleine Lieferwagen ist zwar nur mit rudimentärem Komfort ausgestattet, aber dennoch robust genug, um im Jahr 2010 die Grenzen der Arktis zu erreichen. Wie üblich ist es nicht Léas Art, nach vierzehn Tagen nach Hause zurückzukehren – nein, sie zieht quasi auf die Lofoten in Norwegen, um die Schönheit des Ortes besser in sich aufzunehmen. Gebannt von dem Kontrast der Wellen und den schneebedeckten Gipfeln, verbringt sie monatelang damit, die Wellen um das Dorf Unstad herum zu surfen, dem Zentrum der norwegischen Surfszene. Aus ihren arktischen Abenteuern wird der Dokumentarfilm „Catch it“ von der Amerikanerin Sarah Menzies, der von Léas Leben in ihrem kleinen Wohnmobil berichtet. Der Kurzfilm erzählt von der Schwierigkeit, mitten im Winter im eisigen Wasser zu surfen, und zeigt uns ihre Freude am Fischen und ihren Wunsch nach einem einfachen Leben. „Meine Realität ist nicht der Stoff, aus dem Träume gemacht werden, aber mein Engagement, aus meinem Traum meine Realität zu machen, hat das Potenzial für Träume.“ 

 

Ein paar Jahre später, 2016, dreht sie selbst einen zweiten Film zusammen mit ihrem Freund, dem Polarforscher Vincent Colliars. Diese 26 Minuten, ebenfalls von Sarah Menzie produziert, werden bei mehreren Festivals ausgezeichnet.Dieses Mal folgen wir Léa und Vincent in den Norden Islands, um geheime Wellen zu entdecken, die sich hinter den verschneiten Gipfeln verbergen. Ein Abenteuer, das sowohl neu als auch anspruchsvoll ist, da Skitouren und Surfen kombiniert werden, um mitten im Nirgendwo allein im Wasser zu sein, und das weit über die Erforschung der bekannteren Surfspots hinausgeht. Sie verbringen zehn Tage in völliger Autonomie und ziehen einen Schlitten von mehr als 40 Kilogramm Gewicht durch unwegsames Gelände. Sobald ein Wetterfenster es erlaubt, machen sich die beiden mit ihren Surfboards im Schlepptau auf den Weg über eine Bergkette. Als Léa endlich die schönen Wellen am Ende der Welt vor sich sieht, wird ihr bewusst, wie viel Glück sie hat, es trotz der beißenden Kälte und ohne irgendeine Erfahrung im Skifahren bis hierher geschafft zu haben, ganz zu schweigen von den Schwierigkeiten der Strecke und dem zwei Grad kalten Wasser. Ihre verzauberte Vision verwandelt diese scheinbar unüberwindliche Anstrengung in eine existenzielle Suche, die aus einer Vielzahl magischer Momente besteht.

 

Dann geht es nach Polynesien. Wie es scheint, eine Reise ins andere Extrem, was aber, abgesehen von der Wassertemperatur, eigentlich keinen so großen Unterschied darstellt. Denn sie bewegt sich auch hier von einer Insel zur anderen, von einer Gemeinde zur anderen, um im Rhythmus der Jahreszeiten in direkter Verbindung mit lokalen Ressourcen im Einklang zu leben. Gemeinsam mit ihrem Freund kauft sie sich ein kleines Segelboot von knapp zehn Metern Länge, auf dem sie drei Jahre lang leben. Ein Jahr auf einem der Tuamotu-Atolle, wo sie als Krankenschwester arbeitet, und dann zwei Jahre auf der Halbinsel von Tahiti. „Ich begann den Tag oft mit einer Surfsession bei Sonnenaufgang, nahm dann eine Dusche am Dock, um mein Wasser an Bord zu sparen, weil ich es mit Eimern auffüllen musste. Dann machte ich mir ein Frühstück, um anschließend ein wenig am Computer zu arbeiten. Am Nachmittag kümmerte ich mich um Wartungsarbeiten oder Reparaturen am Boot, und am Abend war ich dann zum Sonnenuntergang wieder im Wasser.“ Für Léa besteht ein Abenteuer hauptsächlich aus dem Unbekannten und dem Risiko. Von großen Wellen schon früh in ihrem Leben angezogen, nimmt sich Léa ihren Platz im Line-up der großen Spots im Baskenland und sogar in Waimea Bay. Ein Abenteuer besteht für Léa aber auch aus der täglichen Gestaltung ihres eigenen Lebensstils in der Gemeinde ihrer Umgebung, in Übereinstimmung mit ihren tiefsten Werten. Das erfordert große Ehrlichkeit mit sich selbst und birgt die Gefahr, zunächst einmal anders oder auch missverstanden zu werden. Léa lässt sich nicht von irgendeiner Mode diktieren, sie bevorzugt die Einfachheit. Sich die eigene Nahrung fischen und sich von dem zu ernähren, was es in direkter Umgebung gibt. Es heißt, auch beim ersten oder zweiten Surfcheck ins Wasser zu gehen und nicht die ganze Küste rauf- und runterzufahren, um vielleicht noch eine bessere Welle zu finden. „Im Line-up ist es wichtig, Respekt zu zeigen, zu grü.en, andere zu ermutigen, Fehler zu vergeben, denen zuzuhören, die es besser wissen, und vor allem ruhig und höflich zu bleiben. Meine Surfboards lasse ich wenn möglich von lokalen Shapern fertigen, die im Bezug auf Performance und Haltbarkeit keine Kompromisse eingehen.” 

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Lea Kajak

 

Léa ist von Natur aus eine ehrgeizige Sportlerin. Sie surft gern, taucht und jagt unter Wasser, ein Sport, den sie erst im Alter von 28 Jahren für sich entdeckte. „Freitauchen, um zu jagen, bedarf einer großen physischen und psychischen Anstrengung. Unterwasser herrscht ein trivialer Instinkt, der bis in die Anfänge der Zeit zurückreicht. Beim Fischen erkenne ich den wahren Wert der Lebensmittel, der weit über den Marktwert hinausgeht. Fischen ist auch meine Art, mich einzuschränken, indem ich mich mit dem begnüge, was ich in einer Welt im Überfluss fangen kann. Es ist eine militante Handlung, eine ernüchternde Botschaft, die an meine Mitbürger gerichtet ist.“ Heute glaubt Léa, dass ein minimalistischer Lebensstil die einzige Möglichkeit mit Zukunft ist, wenn wir nicht endgültig in den Windungen und Wirrungen einer Gesellschaft des Hyperkonsums versinken wollen. Sie glaubt, dass wir alle unsere Bedürfnisse überprüfen und das Leben auf das Wesentliche konzentrieren sollten: Liebe im weitesten Sinne. „Das Abenteuer ist überall, wir müssen es wagen, die Grundlagen in unserem Leben zu definieren und unsere einzigen realen und begrenzten persönlichen Ressourcen sinnvoll einzusetzen: unsere Lebensenergie und unsere Zeit. Was das Nomadenleben angeht, so ist es ehrlich gesagt meist eine Jugendphantasie, die auf lange Sicht nur selten ihren Sinn behält, aber die eine grundlegende Rolle darin spielt, die eigene Identität und Werte zu formen, und Antworten für jeden bereithält, der sich auf eine persönliche Suche begibt.“

 

Als Ambassador für Patagonia seit 2011 hat es sich Léa zu ihrer Lebensaufgabe gemacht, mit ihren Überzeugungen in menschlicher Hinsicht und im Bezug auf die Umwelt im Einklang zu leben. Sie sucht das Glück in der Simplizität und in einer gesunden Beziehung zu anderen und zur Natur. Andere auf den sich verschlechternden Zustand der Welt aufmerksam zu machen, reicht ihr nicht aus, sie glaubt an die kleinen Schritte des Alltags im individuellen Maßstab. Dennoch ist sie auch fest davon überzeugt, dass eine politische Wende zu Gunsten einer Verminderung des ökonomischen Wachstums notwendig ist. „Ich glaube, dass sich eigentlich jeder danach sehnt, denn wir können nur einen Sinn im Leben finden, wenn wir uns auf das Wesentliche konzentrieren. Ich glaube, dass die Umweltkrise in erster Linie eine Krise der menschlichen Identität ist. Ein minimalistisches Leben ist mit wenig zufrieden,solange wir die Zeit und die Gesundheit haben, das zu tun, was wir lieben. Aus diesem Grund kann ich von mir behaupten, dass ich sehr reich bin.“ Zum Spaß um die Welt reisen, wenn auch sparsam, ist für die verantwortungsbewusste Weltenbummlerin eine Konfrontation mit ihren eigenen Widersprüchen. Obwohl sie im Vergleich zu anderen professionellen Surfern nur wenig unterwegs ist, möchte sie ihre Reisen und ihren Verbrauch reduzieren und langen Reisen mit wenig Aufwand den Vorzug geben, um ihren Fußabdruck auf ein Minimum zu beschränken. 

 

„Es ist die Weltenbummlerin in mir, die Spaß am Reisen hat und auf der Suche nach sich selbst ist, doch diese Fantasie wird von der verantwortungsbewussten Verbraucherin auch immer wieder in ihre Schranken gewiesen.“ Léa ist sich ihres paradoxen Lebenswandels bewusst und strebt nun nach einem einfachen Lebensstil ohne vieleReisen. Sie möchte gerne ein kleines ökologisches Haus bauen und alles darin umsetzen, woran sie glaubt. Jetzt ist es an der Zeit, dass sie ihre Erfahrungen mit denen teilt, die nach einem Sinn im Leben suchen, so wie sie es für sich selbst getan hat. Mit etwas Glück kann man ihr diesen Sommer in Biarritz über den Weg laufen. Ihr nächstes Filmprojekt soll uns ermutigen, die Wellen in unserer Gegend zu genießen und uns nicht immer nach fernen Ländern zu sehnen. „Der Planet wäre ohne uns sicher besser dran, aber wir sind darauf angewiesen, dass er gesund bleibt.”

 

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Text: Stephane Robin
Fotos: Laurent Masurel