Blue 15 Mockup Julian Schnabel

Dieser Artikel erschien im Blue Yearbook 2015. Gedruckt liest es sich immer noch am besten.
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Julian Schnabel ist Maler, Bildhauer, preisgekrönter Regisseur und leidenschaftlicher Surfer.
Sein nächster Plan? Die Zahl der ihm verbleibenden Sommer verdreifachen. Scott Hulet, Chefredakteur des renommierten „The Surfers Journal“, traf sich mit Julian und hat das lange Gespräch, das intensive Einblicke in das Leben des weltbekannten Künstlers gibt, auf den folgenden Seiten protokolliert.

„Seit langem gibt es auf South Padre Island an Ostern einen Surf-Contest. 1967 war ich 15 und Herbie Fletcher und Greg Tucker waren tatsächlich gekommen, um an einem Event teilzunehmen, bei dem ich selbst mitmachte. Sie waren gerade von einem Trip nach Mexiko mit meinen Freunden zurückgekehrt: Jack Lutely, Duke Billedeaux und dessen Freundin. Ihr Name war Ginger. Jack und ich waren viel jünger, weshalb es uns schwer beeindruckte, dass Herbie und Greg, diese Typen aus Kalifornien, tatsächlich auftauchten. Herbie war damals ziemlich leicht reizbar. Wer Nathan und Christian Fletcher kennt, kann sich das Alpha-Männchen- Gehabe von damals vorstellen. Herbies Haar reichte weit den Rücken hinunter und er sah insgesamt ziemlich gut aus. Dazu kam eine tiefe Bräune, weil sie ja gerade in Mexiko gewesen waren. Er war ein scharfer Typ. Brownsville lag ungefähr 24 Meilen vom Strand von Port Isabel entfernt. Alle Mädels waren von Herbie und Greg ziemlich fasziniert und äußerst gastfreundlich zu ihnen. Ich war da unten so was wie ein Local geworden. Ich bin zwar in Brooklyn, New York, aufgewachsen, aber meine Eltern zogen nach Texas, als ich gerade im zweiten Jahr auf der High School war. Zunächst hatte ich keine Freunde. In New York hatte ich in einer Rock’n’Roll-Band gespielt. In Texas fand ich niemanden, der in einer Band spielen wollte. Die interessantesten Leute, die ich traf, waren Surfer. Texas ist der linken Küste näher als der rechten, so dass bei uns eher ein kalifornischer Vibe herrschte.

 

Freedom
An meiner neuen High School lernte ich irgendwann ein paar Typen kennen. Einer von ihnen, Chubby Manataou, war sehr nett zu mir, nachdem er gesehen hatte,
dass ich in eine Schlägerei geraten war. Er beschloss, mich unter seine Fittiche zu nehmen. Er und seine Jungs nahmen mich mit zum Strand. Allerdings holten
sie mich immer ein paar hundert Meter von meinem Elternhaus entfernt ab. Ich hatte ein Surfboard, das über zehn Fuß lang war. Sie setzten mich auch immer
an diesem enfernten Ort wieder ab. Ich musste wohl diese Prüfung bestehen, wusste aber, dass Surfen etwas war, das ich auch gut allein machen könnte.
Es ist toll, wenn man etwas selbst machen kann. Malen ist auch so eine Sache. Je besser man in etwas wird, desto attraktiver wird man für andere Kids, und vielleicht lernt man dadurch ein paar Freunde kennen. Eines der besten Dinge auf der Welt ist es, mit Freunden zusammen surfen zu gehen. Diese gemeinsamen Momente, wenn man ruft: „Hey, habt ihr das gesehen?“ Ich glaube, deshalb will jeder ein Foto von sich in der Tube, denn man kann selbst nicht glauben, wo man sich da gerade befindet. Man macht alles, um an diesen Ort zu kommen, aber sobald man realisiert, dass man da ist, ist es auch schon wieder vorbei. Man braucht also Bilder, um sich an etwas zu erinnern, das eigentlich viel zu flüchtig ist. Da ich in der Nähe der mexikanischen Grenze lebte, war ich viel in Mexiko surfen: Punta Mita 1967. Dort gab es damals gar nichts, nur Schildkrötenfischer. Ich bin Mazatlan gesurft – Cannons Point und Lupes und Matanchen Bay in San Blas und dann in der Nähe des Isthmus von Tehuantepec bei Salina Cruz. Der Vater meines Kumpels Aly Besteiro hatte ein Beerdigungsinstitut und wir durften uns immer seinen Carryall, einen dieser großen GMC-Schlitten, in die man alles hineinwerfen konnte, ausleihen. Die Trips nach Mexiko ’65 und ’66 waren wie ein Johnny-Weissmüller-Film. Ich hatte keine Ahnung, dass solche Orte überhaupt existierten, ich war ja in Brooklyn aufgewachsen. Für mich stand Surfen für Freiheit. Und das ist noch immer so. Wenn man hinauspaddelt, schaut man zurück und sieht nicht mehr seinen Körper, nicht mehr die Zeit, sondern nur noch die Landschaft, aus einer Perspektive, die man schon als Jugendlicher hatte. Es fühlt sich alles wie ein ewiger Jungbrunnen an. Du bist da draußen und fühlst etwas und es passt genau zu deiner Erinnerung: der Geruch, die Wärme der Sonne und die Wassertemperatur, je nachdem, wo du bist.


Ich denke ans Surfen in Mexiko und daran, dass ich dort jedes Jahr an Neujahr war. Wir wachten auf und beeilten uns, ins Wasser zu kommen, bevor die Sonne in
Playa Linda in der Nähe meines Hauses in Troncones aufging. Ganz egal, wie man sich an Silvester aus dem Leben geschossen hatte: Wenn man am nächsten Morgen ein paar gute Wellen bekam, war es völlig egal, ob man familiäre oder irgendwelche anderen Probleme hatte. Vielleicht geht es allen so – es gibt so eine Art eine Art Galgenfrist vom Alltag, die das Surfen schafft. All meine Gemälde haben einen Bezug zum Wasser, denn ich habe mein Leben darin verbracht. Ich hatte ziemlich früh damit angefangen, Surfboards zu bauen. Die Materialien, die ich mir als Künstler zu eigen gemacht habe, kannte ich vom Shapen der Surfboards. Ich mochte den Glanz. Ich mochte, dass sie aussahen wie KÖrperflüssigkeit. Ich mochte, dass sie wie Farbe aussahen, und ich mochte es, im Freien zu arbeiten. Landschaften im Süden und Norden unterscheiden sich stark voneinander. Ganz egal, wo ich hingekommen bin, es hat mich immer in den Süden gezogen,
nach Mexiko oder Spanien oder in den Süden Italiens. Wo immer Süden war, ich fühlte mich dort hingezogen. Irgendwann kam der Moment, in dem ich mich entscheiden musste, nach Hawaii zu gehen und nur noch zu surfen oder nach New York zurückzukehren. Ich war Maler und ich hatte das Gefühl, dass mein Leben in New York City stattfinden sollte.

 

Yb 15 Julian Schnabel Seite 2
Julian Schnabel setzt stilvoll seine Pfunde ein und versetzt mit dem entsprechendem Druck aufs Rail seinem voluminösem Board den gewünschten Trim. Foto: Herbie Fletcher 

Blind Girl Surf Club
Über die Jahre nahmen Herbie und ich gegenseitig von unserer Entwicklung Notiz, aber erst 1990 trafen wir uns wieder. Er hatte mir ein paar Blanks für seine Boards geschickt. Ich schrieb Sachen drauf wie „Krähen hissen ihre ureigenen schwarzen Flaggen“. Dann kam ich aus irgendeinem Grund hierher und buchte mich in das „Bel Air Hotel“ ein. Er brachte mir diese Blanks und ich bemalte Boards im „Bel Air Hotel“. Das fühlte sich gut an. Dann fing er an, mich zu besuchen und wir surften zusammen in Montauk. Wir fuhren ein paar Mal nach Tortola, Mexiko, nach Pavones, Costa Rica, nach Spanien. Wir surften in San Sebastian, Hossegor, an der North Shore, auf Kauai und Maui. Ich weiß nicht, wie lange es her ist, dass wir diese Boards bauten. Ich wollte schwarze Surfboards bauen. Ich malte ein Bild von einem Mädchen mit einem violetten Balken über ihren Augen. Ich nahm das Bild, scannte es in einen Computer ein, druckte es auf Reispapier, damit wir es aufs Board legen konnten, und sagte Herbie, dass er „Blind Girl Surf Club“ auf die andere Seite schreiben sollte. Dann hatte ich diese Vision, dass alle schwarze Surfboards surften, auf denen ein blindes Mädchen drauf ist. Wir wollten sie nur an unsere Freunde verteilen. Ich wollte, dass Christian und Nathan welche bekamen. Ich wollte, dass Bruce und Andy Irons eins bekamen. Ich wollte, dass die besten Surfer eins bekamen, genau wie meine
engsten Freunde: Chuck, der mir geholfen hatte, mein Studio in Montauk einzurichten, Tucker Geery, meine Kinder, seine Kinder. Wenn uns irgendjemand nervte,
bekam er kein Board. Man konnte sie nicht kaufen! Kann man immer noch nicht.

Es gibt dieses wundervolle Zitat im Film „Lawrence von Arabien“. Anthony Quinn sagt da über sich selbst: „Ein Mann wie ich hat keinen Preis.“

(2012 wurde ein Board der Serie für die Surfers Healing Foundation auf biddingforgood.com versteigert. Das Eröffnungsgebot lag bei 20.000 US-Dollar, der finale Kaufpreis wurde nicht veröffentlicht; Anm. d. Red.).


Herbie wurde im Laufe der Jahre viel rücksichtsvoller und auch nachgiebiger sich selbst gegenüber. Mir fiel auch sein Interesse an jungen Surfern auf, wie er sich
dafür einsetzte, dass sie ihre Grenzen immer weiter pushten. Er verwendete darauf eine Menge Zeit. Viele Künstler interessieren sich nur für sich selbst. So ist es auch bei Surfern. Surfer wollen Wellen entweder für sich oder ihre Freunde, andere sind ihnen völlig egal. Herbie hat früher auch nicht an andere Menschen gedacht, aber er hat sich zu jemandem entwickelt, der andere fördert. Mit Dennis Hopper war es eigentlich genauso. Wenn jemand von ihm ein Foto machen wollte, nahm er die Kamera und machte ein Foto von den Menschen um ihn herum. Herbie und Dennis verstanden sich gut. Ich liebe beide. Herbie macht nicht für jeden ein Blind Girl Surfboard, aber wenn es ein netter, einfacher Mensch ist, der gerne surfen geht, baut er ihm ein Tool, mit dem man verschmelzen kann. Wir haben zusammen eine Menge Boards gebaut: Gun Shapes. Ich liebe konkave Boards, Egg Rails, mit einer Menge Rocker und Kick im Tail. Vor einer Million Jahren hatte ich ein Jacobs Surfboard, das perfekt war. Es war ein 6’4”. Ich versuchte, ein Board zu bauen, das sich genauso anfühlt, obwohl sich mein Körper verändert hat. Ich bin jetzt natürlich schwerer, aber wenn ich ein dickes 8’2” mit den richtigen Rails undLines surfe, fühlt es sich ziemlich loose an und fährt sich wie ein kleines Board. Genau das mag ich. Wir fingen also an, überall zusammen zu surfen. Man weiß nie, ob man sich mit jemandem versteht, den man lange nicht gesehen hat. Wir sind durch zwei komplett verschiedene Schulen gegangen; er ging in die eine Richtung und machte sein Ding und ich hab mich genau in die entgegengesetzte Richtung entwickelt. Um genau zu sein, müssen wir nicht mal miteinander reden, wir kommunizieren ohne Worte. Besonders interessant war, dass Herbie bei meiner Frau – oder eigentlich jeder Frau – gut ankam. Es gab also nie Probleme nach dem Motto: „Dein Kumpel Herbie ist hier nicht willkommen, weil er ein Arschloch ist!“ oder „Warum willst du immer Zeit mit diesem Herbie verbringen?“ Meine ganze Familie hat ihn ins Herz geschlossen.

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 Yb 15 Julian Schnabel Seite 3
2006 entstanden in Julians Studio in Montauk eine ganze Serie von „Surf Paintings“. Fotos von Surfern wie Malik Joyeux und Bernardo Bertolucci wurden vom Künstler in 4,5 Meter x 6,0 Meter ausgedruckt und mit seiner speziellen Pinsel-Technik bearbeitet. Foto: Herbie Fletcher

 

Dann hatte ich das Gefühl, dass eine Menge Leute Probleme mit Christians Art hatten, vor allem, dass er trotzig war, dazu ziemlich vorlaut und von dem Gefühl
geplagt, dass die Surf-Community ihn nicht unterstützte. Er machte Aerials und solche Sachen, aber eine Menge Pros sagten damals, dass das nur Tricks seien,
die nichts mit richtigem Surfen zu tun haben. Herbie und Dibi waren nur Eltern und sie konnten wie eigentlich auch Nathan nur zuschauen, denn sie waren ja selbst schon ihr ganzes Leben lang mehr oder weniger Outsider gewesen. Ich war es in jedem Fall. Wie schon Groucho Marx einst sagte: „Ich würde nie Mitglied in einem
Club werden, der mich aufnehmen würde.“ Einmal schrieb Dibi einen Brief an ein Surfmagazin. Darin machte sie ihrem Ärger Luft, dass die Surfindustrie Christian
schlecht behandelte. Ich dachte nur: „Schick denen doch nicht den Brief, er ist viel zu gut! Mach einen Film draus!“
Ich höre die wütende Stimme einer Mutter, deren Sohn ein Surfer ist. Man sieht dabei einen Typen surfen, der aussieht wie Nureyev auf einer Welle. Man hört diese
wütende Stimme und realisiert, dass das alles im Kopf dieses Typen passiert, der überhaupt nicht mehr auf einer Welle ist, sondern irgendwo in einem Keller liegt.
Ich hatte also diese Idee eines Films, der vom Surfen handelt, dabei dramatisch und doch keine Dokumentation ist. Als wir uns näher damit beschäftigten, wurde
es kompliziert, weil in der Familie alle unterschiedliche Ansichten hatten. Da verlor ich das Interesse daran. Aber cool war damals, dass mein Vater – er ist mittlerweile gestorben, aber damals war er 92 – und Christian, Nathan und Herbie zusammensaßen. Wir saßen im Blind Girl Surf Clubhaus, die Jungs diskutierten und mein Vater sagte irgendwann: „Diese Jungs sind verrückt, aber ich mag sie, sie sind echt nett.“


Auf mein eigenes Leben blickte ich auf besondere Weise zurück. Ich erinnerte mich an Dinge, die passiert waren, und Surfer, für die ich mich vor langer Zeit interessiert hatte:

Leute wie Barry Kanaiaupuni und seine besondere Art, Bottom Turns zu machen, oder die Art, wie Reno Abellira zu seinem großartigen Style kam, oder Wayne Lynch. Herbie, dachte ich, war wie Fred Astaire, wenn er als Kid auf einem Longboard surfte – er hatte die gleichen flüssigen Bewegungen und die gleiche Anmut.

Back to Basics
Wenn ich mir jetzt Surfen anschaue, ist es etwas traurig: Der Style im Surfen ist ziemlich eintönig geworden. Sie fahren einen Bottom Turn, zielen vertikal auf die Lippe und hämmern dort einen harten Turn ins Wellenface. Das machen sie wieder und wieder, es ist eine ziemlich atonale Art zu surfen. Es ist dennoch wunderschön, den besten Surfern zuzuschauen: Bruce Irons, Laird, Dave Rastovich. Es gibt so viele talentierte Surfer. Wenn ich einen Namen sage, denke ich sofort an einen weiteren. Ich habe in Christian etwas Poetisches entdeckt. So etwas steckt auch in Herbie und erstaunlicherweise auch in Nathan. Ich habe Videos von Nathan gesehen, wie er als kleiner Junge mit seinem Vater spazieren geht und versucht, mit seinem Bruder mitzuhalten. Oder wie er in einer einzigen Weißwasserlawine hinter Christian und Dane Kealoha herpaddelt, einfach den Kopf senkt und tatsächlich mit ihnen mithält. Nathan ist mittlerweile einer der besten Big Wave Surfer. Ich erfuhr eine Menge über Herbies Familie, als ich damals den Film machen wollte. Ich versetzte mich in Christian hinein und dachte: „Okay, das denkt er jetzt gerade.“ Aber bei jeder Szene reisten wir in der Zeit zurück und irgendwann kamen wir bei Herbies Geschichte an – wie er mit jemandem abhing und wie es war, als wir Kids waren. Manchmal brachen wir ein Auto auf, nur um etwas Geld für Essen zu finden.


Da gab es diese tolle Story, als Joyce Hoffman, Dibis Schwester, ein Surfboard in irgendeinem Haus an der North Shore stehen ließ. Herbie fuhr hin, um das Board
abzuholen. Dibi war damals 13 oder 14 Jahre alt. Ich hatte mir diese unglaubliche Szene überlegt, in der Herbie am Tor ankommt und sieht, wie dieser berühmte Surfboard-Designer eine Tandem-Figur mit Dibi probt und dabei sein Gesicht in ihrem Arsch vergräbt. Herbie läuft also dorthin und das Mädchen schämt sich, da
sie das überhaupt nicht machen wollte. Ich finde, dass das eine tolle Begegnungsszene für zwei Menschen ist, die später heiraten sollten.


Ich habe im Drehbuch auch Platz gelassen, um zu erzählen, wie Surfen damals so war. Und in meiner Surfgeschichte würde man Barry Kanaiaupuni surfen sehen
oder Jock Sutherland oder andere, die zum Style des Surfens beigetragen haben. Sie waren wie große Stierkämpfer – sie alle veränderten die Art, wie wir surfen.
Das waren echte Charaktere: Billy Hamilton, David Nuuhiwa, Miki Dora. Normalerweise wurden die Boards dieser Leute von denen gesurft, die ihren Style nachahmten. Während ich den Film entwickelte, wurde mir bewusst, dass Dibis Version vom Leben ganz anders war als die von Nathan oder die von Christian. Letztlich stellte sich heraus, dass Herbie und ich einfach gerne miteinander Zeit verbrachten. Und mehr noch: Mir wurde klar, dass Herbie ein Künstler war, der die Dinge instinktiv wahrnahm, auf eine Art, die den meisten Menschen verwehrt bleibt. Er fing also an, mit mir zu arbeiten. Er war immer begeistert, wenn ich malte, und begann irgendwann, mir zu helfen. Wir waren zusammen an der North Shore und ich bemalte ein paar Navigationskarten. Ich hatte schon seit den 70ern immer wieder auf Karten gemalt. Ich fertigte also ungefähr sechs Bilder auf alten Seekarten an, die ich von Jack Luteys Kumpel Jeff Johnson bekommen hatte. Ich bemalte sie und verschenkte sie. Dann sagte Herbie: „Brauchst du noch mehr von diesen Karten?“ Er ging herum und sammelte eine Menge Navigationskarten von einer Menge unterschiedlicher Leute ein.

 

Final Call
Letztlich habe ich ein Lebenswerk geschaffen, das von Wasser handelt und das ich sehr gerne mag. Denn wenn ich irgendwo bin und nicht surfe, möchte ich nicht
herumsitzen und Piña Coladas trinken. Ich mag es, beschäftigt zu sein. Als wir das letzte Mal in Mexiko waren, habe ich ein paar neue Bilder gemalt. Aber eigentlich
hatte ich mich nach einem Haus umgesehen. Ich besitze etwas Land in Pavones, aber dort fühle ich mich nicht besonders willkommen. Ich war schon oft in Mexiko
und es gibt dort diesen ganz besonderen Ort, den eine Frau erbaut hat. Beim ersten Mal, als wir dort waren, standen da einfach nur fünf Gebäude mit Palapa-Dächern. Die habe ich dann gekauft, obwohl ich dieses andere Land besitze. Es ist leichter dorthin zu reisen. Ich mag Mexiko. Ich habe Mexiko schon kreuz und quer bereist, hatte aber vorher noch kein Haus dort gekauft. Aber dieser Ort war perfekt. Direkt vor der Haustür ist ein toller Beachbreak. Wir sind also in der Folge häufiger dorthingefahren, aber auch oft nach Hawaii. Bernardo Bertolucci, ein Regisseur und guter Freund von mir, hatte starke Rückenprobleme, die ihm das Regieführen und Laufen schwer machten. Ich erzählte ihm von diesem Moment, wenn man etwas geschaffen hat und weiß, dass es etwas ganz Besonderes ist, aber nicht genau weiß, was – dieser Impuls, das gewohnte Terrain zu verlassen und in etwas Unbekanntes hineinzuspringen, da man dort sein will und das Gefühl hat, dass man dort schon einmal war. Genau das passiert, wenn man Kunst macht. Ich erklärte ihm also, dass genau das auch das Gefühl ist, das Surfer in der Tube haben – wenn sie in diesem Raum sind, im Zentrum all dieser Energie. Sie neigen sich in Richtung göttliches Licht. Ich erzählte Gerry Lopez von Bernardo und ich erzählte Bernardo von Gerry. Ich hatte das Gefühl, dass sich Bernardo freier fühlen müsse – er musste verstehen, dass er durch den Prozess dessen, was er tat, sich selbst in diesen Zustand versetzen konnte. Selbst wenn ich jemanden male, wenn ich mitten im Prozess des Malens bin, denke ich an gar nichts. In diesem Zustand zu sein befreit, und wenn andere das erleben, verändert es sie für den Rest ihres Lebens. Es hängt nur davon ab, wie sehr man es in sich aufnimmt.


Ich bin sehr privilegiert, dass ich von meiner Kunst leben kann. Aber es wäre für mich unmöglich, unter Neonlicht zu leben, ein Büro zu haben. Ich habe gerade einen Film in Israel gedreht. Mein Regieassistent ging in das Gebäude, in dem sich unsere Pre-Production befand. Der Location Manager zeigte auf einen Raum und sagte: „Das ist Julians Büro.“ Mein Assistent lachte ihn aus und sagte: „Hast du ihn jemals darin gesehen?“ Für mich ist das Leben der Sommer. Wenn ich also drei Monate Sommer habe, kann ich drei Monate lang malen. Egal, was sonst so passiert, danach kann ich mich zu Hause in Montauk verkriechen und habe ein weiteres Jahr geschafft. Da ist mir Folgendes klar geworden: Wenn drei Monate Sommer für mich ein Jahr sind, müsste ich es nur schaffen, drei Sommer pro Jahr zu haben – dann hätte ich statt 30 Sommer noch 90 Sommer übrig!“ 

 

Mit freundlicher Genehmigung des „The Surfers Journal“, Erstveröffentlichung 2011, Vol. 20.1