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Tropical Travel Strory: Auf der Suche nach dem nächsten Kick in der Karibik.

„Hey, Sie haben noch genau fünf Minuten!“, schrie mich eine furchteinflößende Stimme mit unverwechselbar karibischem Akzent von hinten an. Eine Frauenstimme, und sie hörte sich so an, als würde sie es ernst meinen. Unser Charterflug zurück in die Staaten würde in 15 Minuten abheben. Das Gate schloss bereits. „Meine Freunde kommen gerade durch den Sicherheitscheck, ich kann sie in der Schlange stehen sehen!“, log ich die weibliche Flughafenangestellte an. In Wirklichkeit hatte ich keine Ahnung, wo mein Cousin Asher Nolan und Fotograf Chris Burkard waren; ich versuchte einfach nur, Zeit zu schinden. Es nützte nichts. „In vier Minuten wird keiner von euch irgendwohin fliegen.“ Shit.


Dieser Artikel erschien in unserem Yearbook 2014. Gedruckt liest es sich immer noch am Besten. 

Text: Zander Morton / Übersetzung: Melanie Schönthier


 

STUCK IN HEAVEN
Nervös schlich ich auf dem Flughafen herum, wie jemand, der zum ersten Mal flog. Ben Bourgeois hatte es mit mir zum Terminal geschafft, aber noch immer gab es kein Lebenszeichen von Asher oder Chris. Keiner von ihnen hatte Geld für die Abfluggebühr dabei, und der Geldautomat am Flughafen war gerade außer Betrieb. Asher hatte sich zu Fuß auf die Suche nach einer anderen ATM-Maschine gemacht, während Chris mit dem Gepäck zurückgeblieben und Ben und ich in Richtung Gate gelaufen waren, um den Abflug um ein paar Minuten hinauszuzögern. Bisher ohne Erfolg. Ich fragte sogar Fremde um Geld und bot ihnen einen Scheck an, aber mit meinen vom Salzwasser geröteten Augen sah ich wahrscheinlich nicht gerade vertrauenserweckend aus. Es hätte sowieso keinen Sinn gehabt, denn die Zeit würde nicht reichen, um mit dem geliehenen Geld aus dem Terminal zu laufen und es rechtzeitig wieder zurück durch den Sicherheitscheck zu schaffen. Shit.

Karibik Yb 14 Tanner
Tanner Gudauskas steigt auf die Bremse, um sich von dieser karibischen Perle barreln zu lassen.
Foto: Chris Burkard


Was heute ein entspannter Morgen am Flughafen werden sollte, hatte sich in einen verdammt stressigen Tag verwandelt. Diese Karibikinsel war lediglich ein Zwischenstopp unserer Chartermaschine auf unserem Weg nach Hause. Wir kamen von einer anderen, noch viel kleineren Insel, einem winzigen Fleck auf der Landkarte, einem von etwa 7.000, die zu der westindischen Inselgruppe der Karibik gehören. Wo wir gewesen waren, hatte es keine Rolle gespielt, was gerade im Rest der Welt geschah. Für vier Tage hatte für uns lediglich dieser einsame, unberührte Strand auf einer winzigen Insel existiert. Die leeren, spuckenden Overhead- Tubes hatten ihren Tribut von unserer Psyche gefordert. Mental befanden wir uns immer noch an diesem Ort und taten uns schwer, den Weg zurück in die Realität zu finden. Obwohl wir nur für ein paar Tage alles hinter uns gelassen hatten, fühlte es sich seltsam an, plötzlich wieder mit der echten Welt und echten Menschen in Kontakt zu kommen.

Dieser Trip nahm seltsamerweise bei einem NFL Football-Spiel seinen Anfang. Die Jacksonville Jaguars hatten gerade die Oakland Raiders geschlagen, als das Bild des kollabierenden Metrodome, Heimat der Minnesota Vikings, über den riesigen Bildschirm flimmerte. Der heftigste Dezember-Sturm der Geschichte hatte das Dach unter einem halben Meter Neuschnee zusammenbrechen lassen. Ben Bourgeois musste die Swell- und Windvorhersagen nicht kontrollieren, er hatte bereits genug gesehen. Der selbe Sturm würde zwei Tage später auf den Atlantik treffen, und Ben wusste genau, was das hieß und wo er dann sein müsste. Glücklicherweise war ich dieses Mal mit von der Partie. Ben ist berühmt-berüchtigt für seine spontanen Last-Minute-Trips und seine ‚Jederzeit bereit für den Abflug‘-Einstellung. Von außen betrachtet und nach den zahlreichen Magazin-Covern zu urteilen, sieht es immer so aus, als würde jeder Trip perfekte Wellen mit sich bringen. Die Wirklichkeit ist aber oft eine andere:

Spontane Reisen sind ein echtes Glücksspiel.

Karibik Mock Up 2
Alex Botelho machte sich die Power von Hurrikan Sandy zu Nutze und scorte schon 2012 solche Tubes in der Karibik.
Foto: Al MacKinnon

 


BAD LUCK
Einmal, so erinnert sich Ben, machte er sich auf den Weg von Marokko in die Wüste der Westsahara und verirrte sich. Zwei Tage lang fuhr seine Crew am Stück durch, ohne auch nur einmal das Meer zu sehen, unterbrochen nur von wenigen Stopps, um sich kurz auf dem staubigen Boden schlafen zu legen. Am dritten Tag wurde ihm bewusst, dass niemand, nicht einmal die so genannten ‚Guides‘, auch nur die leiseste Ahnung hatte, in welche Richtung sie fuhren. Aber am Schlimmsten war, dass sie kein Wasser mehr hatten und seit 24 Stunden an keinem Dorf mehr vorbei- gekommen waren; ihnen blieb nichts anderes übrig, als den Tetrapak-Wein zu trinken, während sie einen Ausweg aus der Wüste suchten. Es war ein einziges Debakel. Nach fünf Tagen waren sie zurück in Marokko, ohne auch nur einen Fuß ins Wasser gesetzt zu haben.

Ein anderes Mal befand sich Ben in einem Flieger, der außerplanmäßig zu einem kleinen Flughafen in Norwegen umgeleitet wurde. Dort musste er sich ein Auto mieten, um irgendwie doch noch zum Rest der Gruppe zu stoßen. Ohne groß zu überlegen, wählte er auf der Karte die Strecke, die ihm am kürzesten erschien. Das Ganze endete damit, dass er 20 Stunden im White Out durch Schnee und Berge unterwegs war, nur um schließlich an der Küste anzukommen und den einzigen Surftag um ein paar Stunden zu verpassen. Glücklicherweise lernt Ben nie aus diesen Erfahrungen und hält sich wider besseren Wissens auch weiterhin nicht von spontan geplanten Trips fern. Denn wenn er das tun würde, wäre er nie auf dieser Insel gelandet und – noch wichtiger – nie diese Welle gesurft.

Karibik Yb Siesta
Dylan Graves und Pat Gudauskas bei der karibischen Siesta.
Foto: Chris Burkard

 

WELCOME TO HEAVEN
So etwas habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Das kann nicht wahr sein. Eine türkisfarbene, 4 Fuß große Rechte peelt über eine lange, seichte Sandbank und das nur etwa sieben Meter von mir entfernt. Weißer Sand mit einem leichten rosafarbenen Schimmer so weit das Auge reicht. Kleine Bäume und Sträucher säumen den Strand hinter mir. Niemand sagt auch nur ein Wort. Eine weitere, etwas größere Welle detoniert in hüfttiefem Wasser, läuft schnurgerade nach links und windet sich anschließend in spiegelglatter Perfektion um die Ecke, bis sie aus unserem Sichtfeld verschwindet - kein Tropfen Wasser, der nicht an der richtigen Stelle wäre. Das Meer ist so klar und der Himmel so blau, dass es schwer fällt, zwischen der Lippe und dem Horizont zu unterscheiden. Ben lächelt, er ist bereits zum dritten Mal hier und sieht zum dritten Mal exakt dieses Bild. Es scheint, als wäre dieser Ort in einem Raum-Zeit-Kontinuum gefangen. Ist er aber nicht. Der Spot ist so unbeständig, dass er selten öfter als an fünf Tagen im Jahr bricht. Das ist auch der Grund, wieso Ben zum dritten Mal in drei Jahren (dieses Mal in Begleitung von Asher, Chris und meiner Wenigkeit) ganz allein hier ist.

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Caribbean Yb 14 Burkard ChrisEinsame Perfektion – fast zu schön, um wahr zu sein.
Foto: Chris Burkard

Die nächsten Tage sind ein einziger Traum, der zu gut ist, um wahr zu sein. Die Art von Traum, aus dem du erwachst und sofort wieder die Augen zukneifst, um dorthin zurückzukehren, wo du am liebsten für immer bleiben würdest. Wir verbringen unsere Tage am Strand unter einem selbstgebauten Sonnenschutz aus einem Bettlaken und angespültem Treibholz. Von Sonnenauf- bis -untergang machen wir nichts anderes als auf den Ozean hinauszublicken, unterbrochen von kurzen Pausen, um uns einzucremen oder unseren Durst zu stillen. Die Wellen sind einfach zu einladend, wir können nicht anders. Am letzten Tag nehmen wir die perfekten rechten Tubes schon gar nicht mehr richtig wahr, so sehr haben wir uns an ihren Anblick gewöhnt.

Es dauerte weniger als 24 Stunden und unsere Sinne waren wieder aktiviert. Zurück am Flughafen, nur Stunden bevor wir uns wieder auf den Weg in das kalte, winterliche Florida machten, zeigt uns Ben die Vorhersage für die nächste Woche. Es ist das erste Mal seit Tagen, dass wir wieder Zugang zum Internet haben. Innerhalb von Sekunden werden Bens Augen immer größer. Seltsamerweise sieht es so aus, als würde eine neuer, großer Swell auf die Insel zukommen; das hat Ben so noch nie hier erlebt. „Wir müssen bleiben“, schlägt er vor, ohne einen Hauch von Zweifel in der Stimme. „Dieser Swell ist noch größer.“ Die winzigen Rädchen in unserem Gehirn fangen an zu arbeiten. Erinnerungsblitze von leeren, türkisfarbenen Tubes schießen durch unsere Köpfe. Es ist einfach zu verlockend. Wir sind wie Heroinsüchtige: Egal wie viel man bereits hatte, es wird nie genug sein. Wir vergessen Weihnachten. Kein Gedanke an unsere Familien. Es wird soooo gut. Chris‘ Frau sagt, dass er bleiben kann, aber am Weihnachtsmorgen zu Hause sein muss. Wir haben gerade noch genug Zeit, um unsere Flugtickets umzubuchen. Die zusätzlichen Gebühren sind uns egal. An diesem Punkt können wir an nichts anderes mehr denken, als zu dieser Welle zurückzukehren. Dafür tun wir alles, was nötig ist. Alles.

 

TOO GOOD TO BE TRUE
„Es tut mir leid, aber es gibt leider keine Flüge über die Feiertage.“ Shit. Die Charter- Fluggesellschaft stellt über Weihnachten ihren Betrieb ein und nimmt uns jede Hoffnung. Wir können nichts tun außer nach Hause zu schwimmen, und für einen Moment scheint diese Idee gar nicht so abwegig. Aber wir müssen es uns eingestehen: Wir sitzen hier fest. Ohne eine Alternative bleibt uns nichts anderes übrig, als die Fluggesellschaft noch einmal anzurufen und unsere Flüge erneut umzubuchen. Keine leeren, blauen Tubes mehr für uns dieses Jahr. Wir fliegen nach Hause.

 

Caribbean Yb 14
Es gibt nicht viele Plätze auf unserem Planeten, an denen man beim Campen einen solchen Ausblick hat. Da kann man auch einen kurzen, tropischen Regenguss ohne Weiteres verkraften.
Foto: Chris Straly


Tick, tick, tick! Sie haben noch 30 Sekunden, um an Bord dieses Flugzeugs zu gehen“, schreit eine Mrs. Mir-macht-dieser-Job-wirklich-extrem-viel-Spaß, als ich Asher und Chris entdecke, wie sie sich gerade ihren Weg durch die Menschen- menge am Terminal bahnen. „Ich kann nicht glauben, dass wir es geschafft haben!“, ruft Asher, während ihm der Schweiß vom hochroten Gesicht tropft und uns eine sichtlich enttäuschte Flughafenangestellte zu unserem Flugzeug begleitet. Ich lächle sie an, aber sie wirft mir nur einen bösen Blick zu. Ich weiß, dass sie sauer ist, weil wir das Flugzeug aufgehalten haben, und nur zu gerne erlebt hätte, dass wir auf dem Flughafen übernachten müssen. Manche Menschen weiden sich gerne am Unglück anderer Leute.

Asher war in Flip-Flops mehr als drei Kilometer bis zur nächsten funktionieren-den ATM-Maschine gerannt, um die Abfluggebühr für Chris und ihn bezahlen zu können. Anschließend hatte er sich an Hunderten von Menschen in der Schlange zum Sicherheitscheck vorbeigedrängelt und es gerade noch rechtzeitig zum Gate geschafft. Innerhalb weniger Minuten war er im Flugzeug eingeschlafen. Ben dagegen ist sichtbar durch den Wind. Er sieht krank aus und ist ein bisschen weiß im Gesicht. Ich frage ihn, was los ist. „Ich hatte insgeheim gehofft, Asher und Chris würden es nicht mehr rechtzeitig schaffen“, gibt er nach dem Start zu.

„Es wäre eine gute Entschuldigung gewesen, um zu bleiben. Wir hätten bestimmt einen anderen Weg zurück nach Hause gefunden.“ Plötzlich fühle ich es auch. Eine Welle des Bedauerns, so als hätten wir einen großen Fehler gemacht. Ich wünschte, ich könnte das Flugzeug zum Umdrehen zwingen. „Ich werde für sehr lange Zeit bedauern, in dieses Flugzeug gestiegen zu sein“, murmelt er, während er mit versteinertem Blick auf den Ozean unter sich starrt. Nun wird uns allen bewusst, dass der ganze Stress des heutigen Tages unser Urteilsvermögen getrübt hatte. Wieso musste Asher es auch schaffen? Wir hätten bleiben sollen. Meine Eltern hätten mich enterbt. Bens Schwester hätte ihn umgebracht. Chris hätte seine Scheidungspapiere zugestellt bekommen. Ashers Tochter hätte ihm das nicht so schnell verziehen. Aber wie allen Süchtigen wäre uns das egal gewesen, solange wir hier unseren täglichen Kick bekommen hätten.

Dieser Artikel erschien in unserem Yearbook 2014. Gedruckt liest es sich immer noch am Besten... Zum online Shop geht es hier. 

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Credits 


Text: Zander Morton

Übersetzung: Melanie Schönthier

Fotos: Chris Straly, Chris Burkard & Al MacKinnon