Sambal Sambal. Wer sich schon einmal hungrig und dehydriert nach einem perfekten Indo-Surf dem local „Warung“ am Straßenrand hingegeben hat, weiß die indonesische Chilisoße „Sambal“ zu schätzen. Jedoch auch den Segen der übermäßig großen Reisbeilage, um den zuvor ausgelösten Brand auf dem eigenem Babygaumen, zu löschen.
Metaphorisch dafür stehen die Cutbacks und Snaps in Ainara Aymats und Kylian Castells Kurzfilm, über den gemeinsamen Bootstrip mit Lee Ann Curren auf den Mentawais. Weniger Longboard-Beauty-Vibe und dafür mehr radikales, scharfes Surfen.

 

In unserem aktuellem Yearbook wurde Ainara Aymat symbolisch anhand ihres Kurzfilms porträtiert.
Dieser Artikel erschien im aktuellen Blue Yearbook 2020. Gedruckt liest es sich immer noch am besten. Hier könnt ihr das 180 Seiten schwere Magazine bestellen und den gesamten Artikel lesen.

 


In ihren jungen Jahren bricht die baskische Profisurferin mit den Konventionen der Surfindustrie, findet ihre eigene Linie und geht ihr nach. Dass dies nicht immer kerzengerade verläuft, spielt keine Rolle: Zweifelsohne transportiert diese junge Frau Hoffnung, persönliche Freiheit und den Mut, gegen den Strom zu schwimmen.


Ainaras erster moment im Grillen Rampenlicht der internationalen Surfmedien ist symbolisch geladen. Nur der oberste Teil der Person im Video, ihre Arme, Hände und dunklen Linien auf ihrer Haut sind sichtbar. Schrill surrt ein elektrischer Rasierer. Den Haaren geht’s an den Kragen. Ein großer Teil liegt schon am Boden. Der Rest wird mit der rechten Hand, die schließlich mittig über den Kopf fährt, erledigt. Jede einzelne Bewegung, jedes Büschel, das fällt, ist spürbar. Mit der linken Handfläche streicht sie sich über den Kopf. Ein Blick in den Spiegel zeigt ihr Gesicht. Alles kurz, alles weg, das war’s. Noch ein letztes Mal ansetzen, der Feinschliff quasi, hinter dem rechten Ohr mit dem silbernen Ring. Stille. Dann ein Schnitt und ein Sprung. Die Szenerie wird kurzerhand vom hellhörigen Badezimmer mit den kühlen, weißen Fliesen in den weiten Ozean mit magischem Horizont verlegt. Was für ein Image wird hier konstruiert? Und welche Geschichte steckt wirklich dahinter?

Ainara Potraet


Die restlichen Minuten von Kylian Castells Film SAMBAL sind ein hektisches Dauerfeuer aus vertikalem, kraftvollem Surfen, untermalt von der L.A.-Underground-Punkband Zig Zags. Dass Haare hierbei keine Rolle spielen, sollte schnell klar sein. Wozu dann also der demonstrative Befreiungsakt zu Beginn? Geht es um Aufmerksamkeit? Effekthascherei? An dieser Stelle zu urteilen wäre naheliegend. Sex sells, Rebellion tut’s zur Not aber auch. Kahlgeschoren, radikales Surfen, Grunge-Soundtrack – das ist Punk! Sei anders, sei wie Ainara. Für Menschlichkeit und Nuancen ist im Surfmarketing kein Platz.

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Es ist rund drei Jahre her, als die aus dem baskischen Zarautz stammende Ainara bei einem Spaziergang mit ihren beiden Schäferhunden den Sticker einer Organisation für krebskranke Kinder entdeckte. Der auslösende Moment, der sie letztendlich dazu motivierte, ihre hüftlange, beneidenswerte Mähne abzurasieren, um sie für einen guten Zweck zu spenden. Tatsächlich war der radikale Haarschnitt nicht Systemkritik, sondern ein Zeichen der Selbstlosigkeit in einer für sie schwierigen Zeit. Mit Anfang zwanzig stand ihr Leben ohnehin gerade Kopf und schien in jeglichen Bereichen aus dem Ruder zu laufen. Ein gewagter Spagat zwischen Studium und Karriere als Profisurferin drohte aus der Balance zu geraten. Mit steigendem Leistungsdruck an der Universität wurden die Sponsoren immer unzufriedener, wollten weit-aus mehr von ihr sehen. Die Beziehung zu ihrem langjährigen Freund ging in die Brüche. In der Familie lag zudem einiges im Argen. Nachdem sich die Situation über Jahre hinzog, entschieden sich ihre Eltern schließlich, getrennte Wege zu gehen. Für ihren jüngeren Bruder Erik übernahm Ainara im Tumult der scheiternden Ehe bereits mit 17 die Verantwortung. Dadurch entstand eine sehr innige Beziehung zu ihm – und noch mehr Belastung.


Das Porträt in voller Länge erschien im Blue Yearbook 2020.

 

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Credits 

 

Text: Julia Petersen

Bilder: Iker Basterretxea

Film: Kylian Castells & Ainara Aymat