Für den treuen Blue-Leser ist Konstantin Arnold kein Unbekannter. Sowohl im Yearbook als auch hier auf unserer Website haben wir regelmäßig Texte von ihm veröffentlicht.

Nun hat er im Proof-Verlag Mit "Libertin - Briefe aus Lissabon" den ersten Teil einer Buchserie veröffentlicht. Auf dem Buchdeckel schreibt der Filmemacher Pascal Thieret dazu: "Das Buch ist eine Liebeserklährung an eine Stadt, hinter der sich eine Liebesgeschichte zu einem portugiesischen Mädchen verbirgt, das ihn zum Mann macht und an den Abgrund des Lebens stellt. Da, wo, wie er gerne sagt, die Aussicht am schönsten ist."

Konstantin Arnold

"Ich möchte mit meiner Arbeit zum Eigentlichen der Kunst zurück, zu einer seelischen Notwendigkeit. Es geht nicht darum gut oder schlecht zu schreiben, sondern so gut man eben kann und wenn das schlecht ist, ist das auch gut, wenn es das ist, was man in diesem Moment ist", sagt Konstantin. Als Vorgeschmack gibt uns Konstantin hier schon mal einen exklusiven Einblick in ein Kapitel aus dem dritten Teil seiner Briefe aus Lissabon-Buchreihe:

AM FENSTER
Rua Rui Barbosa, den 25. Februar 2021
Sitze an ihrem Fenster. Rauche. Lese. Schaue raus. Genieße den Abend und den Fluss. Lass Kerzen brennen. Denke Traurigkeit ist doch nur Erholung, um sich wieder freuen zu können. Himmel und Hölle. Leidenschaftlicher Alltag. Schon gut so. Habe ich gelesen. Den Kopf auf die Hand gestützt. Die Hand auf den Arm, den Arm auf den Tisch und den Tisch dann auf den Boden, den Boden auf das Haus, das Haus auf die Erde, die Erde dann auf was? Gedanken, die einem abends halt mal kommen, die man aber nicht bis zu Ende denken muss. Der Abend ist kühl und nass, aber schön. In einigen Häusern brennt Licht. Ein Blick wie der Anfang einer schönen Geschichte. Sie macht sich frisch oder irgendwas anderes und die Stadt ist still wie ein Dorf. Man hört nur Vögel Flügel schlagen und die Glocken der São Vicente, die wie aus der Zukunft klingen und mir diesen Moment zeigen und wie schön er ist und wie ich mich mal an ihn erinnern werde, ohne die Zwänge der Gegenwart, die man vergisst oder die nichts bedeuten. In einem Fenster sehe ich Menschen, die andere Menschen mit einem Küsschen begrüßen. Sieht einladend und ansteckend aus, wie früher. Ein paar nasse Bäume riechen kalt im Wind. In der Ferne will noch eine Fähre passieren. Sonst nichts. Ich würde auch lieber schreiben, dass es warm ist und die Sonne gerade unterging und alles noch glüht und die andere Flussseite in der Ferne flimmert, aber Regen ballert seit Tagen gegen die Fenster. Unaufhörlich. Nur gegen ihrs nicht. Das Gute an ihrem Fenster ist, dass es offen ist und der Regen da nicht hinkommt, weil er aus Nordwesten kommt und ihr Fenster zum Fluss zeigt. Wir können es offen haben und der Regen tut uns nichts und wir verbringen den Regen im Bett. Nach zehn Rekordtagen Zwist sind wir wieder im siebten Himmel und genießen unsere Liebe. Es ist sehr schön mit jemandem zusammen zu sein, den man sehr attraktiv findet und sich lieben kann, so oft und wie man will; und all diese modernen Verhütungsmittel zur Hand hat und keinen Gedanken daran verschwendet, dass es jemals anders kommen könnte oder sich die Sicht auf das Schöne trübt oder man aus Unsicherheit etwas beweisen muss, weil das alles nur in einem selbst ist und nie im anderen und man für den anderen immer gleich ist, egal, ob man es sich bewiesen hat oder nicht. Mit dem Lieben ist es wie mit dem Schreiben. Manchmal fällt einem der Übergang zwischen Momenten schwer. Männer fürchten nicht zu begehren, Frauen dagegen nicht begehrt zu werden. Man fürchtet vor jedem Anfang, es nicht mehr tun zu können, aber man würde es wieder tun, man hatte es immer wieder getan. Mit ihr werden Träume war, die ich mit anderen nur gehabt habe. Gespräche im Bett, im Stockdunkel eines frühen Winterabends, an dem man nirgendwo mehr hinmuss, nichts zu erledigen hat, nur still und geschafft aufeinanderliegt. Im Ziel ist. Döst. Sich jene Atempause vor dem Tod gönnt, die man selbst erschaffen hat. Ihr Mund war schön und feucht und riecht noch, als ob er schön feucht gewesen wäre. Ihre Haut ist immer noch braun, am Ende eines langen Winters und ihre Brüste quollen unter dem hochgezogenen Wollpullover hervor, wie Fantasien. Sie zog sich aus, wie ein Geschenk, das man wieder einpacken kann. Wir wurden rasend und ein wenig wütend und kamen uns so nahe wie man sich eben kommen kann und rieben unsere Körper aneinander und kamen ineinander und es war wie eine Erlösung von dem Gefühl, dass dich wahnsinnig macht. Danach war es stockdunkel und still im Zimmer. Wie nach einem Mord. Nur der Lichtstrahl einer Straßenlaterne fiel durch den Spalt der Fensterläden herein und legte sich leise zu uns auf den Boden. Ihr Oberarm lag geschafft auf ihren Lippen. Sie biss in ihn hinein. Musste nach nasser Haut und Erlösung riechen. Siehst du, sagte ich, jetzt ist es gar nicht mehr so kalt und das Bettzeug nicht mehr klamm und wir sind nicht mehr genervt, wenn wir etwas fragen und der andere es nicht gleich versteht oder nicht gehört hat und wir es wiederholen müssen. Man kann die Erlösung von dem Gefühl aber auch spät in der Nacht bekommen, wenn man schon schläft und es noch nicht bekommen hat und von einem Instinkt wach wird und übereinander herfällt, wie bei einer gegenseitigen Vergewaltigung, ein bisschen gefährlich und sehr hemmungslos, da die Gedanken, die alles bewerten, nicht mit wach sind. Das kann passieren, wenn man einen Abend lang nebeneinander liest und sich trotzdem liebt. Sie hat mich mit Dostojewski angesteckt und wir lesen ihn gleichzeitig und abwechselnd im Bett, seit der Regen da ist. Lissabon hatte seine ersten Frühlingstage hinter sich, aber es war ein falscher Frühling und der Regen kam wieder zurück, was aber nicht schlimm war, denn der Regen tut ja uns nichts, weil sie mich mit Dostojewski angesteckt hat und wir ihn im Bett miteinander lesen. Wie schön dann der Regen ist. Bücher stoßen gewaltige Erinnerungen an und finden dort statt. Auf einem Abendspaziergang zu den Orten gemeinsamer und nicht gemeinsamer Erinnerungen, denken wir darüber nach. Am Largo da Graça denken wir an die Sankt Antoniusnacht vor ein paar Jahren (und wie schön der Regen ist) und die Sängerin, die aussah wie Tina Turner und wie unsicher ich beim Tanzen war, weil ich fühlte, dass mich die ganze Welt dabei beobachtet und bewertet. Wir denken über den Wert dieser Erinnerung nach und denken an andere Erinnerungen, an anderen Orten, die wir schon vor uns kannten und wie sie von neuen Erlebnissen eingenommen wurden, die stärker waren, als jene Erinnerungen, die bis dahin ihren Platz einnahmen. Dostojewski ist nichts, was man lesen kann, wenn der Regen nicht schön ist oder man keine starken Erinnerungen hat, oder, wenn man an der Tür auf seine Freundin wartet und einen das nervt und nicht erkennt, dass es mehrere Realitäten einer Wirklichkeit gibt oder schon diesen genervten Schritt draufhat, den Männer gehen, die nicht saufen oder sich eine Knarre kaufen, um ihren Frauen damit eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Es ist ein wundervolles Buch, in dem es nicht zu unterstreichen gilt. Seine Art zu schreiben, treibt mich im Fluss durch 700 Seiten und ich fühle mich auf diesen Seiten nicht allein, weil sie vor mir auf diesen Seiten war und schon viel weiter ist und ich sie dann fragen kann, wenn ich etwas nicht gleich verstehe oder nicht richtig gehört habe oder nicht mehr weiß und sie es wiederholen muss. Sie versteht das alles besser und hat sich eine Charakterkarte gemacht, um die russischen Namen besser auseinanderzuhalten, die man beim Lesen gar nicht richtig ausspricht. Sie spricht sie aus und studiert dieses Buch in allen Sprachen, mit dieser großen Gabe und noch größeren Hingabe für alle Sprachen im Buch und im Bett. Manche seiner Kapitel jedoch konntest du nicht im Bett lesen. Sie waren widerlich und traurig und hielten dich fest und ließen dich nicht mehr los. Wie der Traum von Raskolinkow oder wie der heißt, in dem das Pferd erschlagen wird. Dostojewski ist ein Schwein. Seine Gedanken schreien nach Freiheit, Weite, Blick, müssen ans Fenster und auf die Feuerleiter getragen werden, um fertiggedacht zu werden. Sie verbrennen im Abendrot, bis zum Ende. Und wir erfreuen uns an den Farben des Himmels und der Stimmung eines Tages und an dem, was die Farben und Stimmungen und Tage mit den Dingen tun. Auf dem Tisch an ihrem Fenster stehen Pampas. Es sind die gleichen Pampas, die ich auch habe. Muss sie gepflückt haben, als wir ohneeinander waren. Pampas sind schilfartige Pflanzen, die in den Ruinen schöner Häuser wachsen und silbern im Sonnenlicht funkeln. Die meisten halten sie für Unkraut, so wie den Regen. Wir nicht. Wir sitzen am Fenster neben den Pampas und werden nicht nass. Rauchen. Reden. Haben Dostojewski bald fertiggelesen. Dann Rauchen und Reden wir nur noch. Sind nur noch verliebt. Lachen und meinen es so. Verdammt, wie schön sie ist. Ich will Dostojewski unbedingt an ihrem Fenster fertiglesen und nicht wie andere Bücher im Bus, kurz bevor man Aussteigen muss. Was ich fühle, wenn ich sie so am Fenster sehe, will ich nicht beschreiben oder schreibe es besser, wenn ich es nicht beschreiben kann. Am besten ich schreibe es gleich oder ich muss es später alles schreiben, oder ich lese noch ein wenig weiter und verlasse mich darauf, dass ich es schon irgendwann schreiben werde. Die Schönheit und das Licht der Stadt scheinen durch ihre Augen.

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Libt

Am 3. Mai stellt Konstantin"Libertin" in Lissabon vor. Im Juli geht er damit auf Lesereise und macht Station in Eisenach (Phantasie), München (Carlitos Minibar), Zürich (Baur au Lac) und Wien (Café Sperl).

Infos:

Libertin - Briefe aus Lissabon, Hardcover, 340 Seiten
Schwarzer Leineneinband mit Heißfolienprägung in Roségold
Preis: 19,90 € - Erhältlich im gut sortierten Buchladen oder online beim Proof-Verlag.

Zum Buch ist auch ein Kurzfilm mit dem Titel „Libertin“ in Arbeit, den Konstantin zusammen mit Pascal Thieret in Lissabon 2019 gedreht hat. Oben siehst du den Trailer, alle Infos zum Filmprojekt gibt es auf www.libertin-film.com.