Nachdem die Eisbachwelle seit dem tödlichen Unfall vom 16. April nach wie vor für Surfer gesperrt ist, startete die lokale Community einen Aufruf zur sofortigen Aufhebung des Surfverbots. Innerhalb weniger Stunden unterzeichneten mehr als 3.600 Eisbachsurfer*innen und Sympathisant*innen einen offenen Brief an Dieter Reiter, den Oberbürgermeister der Stadt München.

Hier der Brief im Original Wortlaut:

Offener Brief 

Herrn Oberbürgermeister Dieter Reiter
Rathaus München
Marienplatz 8
80331 München 

nachrichtlich an: Landestourismusorganisation des Freistaats Bayern – Bayern Tourismus Marketing GmbH

München, 8. Mai 2025 

Sofortige Wiederöffnung der Eisbachwelle 

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Reiter, 

wir sind eine Gruppe von Eisbachsurferinnen, Eisbachsurfern und Freunden der Welle. Mit diesem offenen Brief bitten wir Sie herzlich, aber nachdrücklich, die Eisbachwelle unverzüglich und wieder dauerhaft für den Surf-Betrieb freizugeben. 

Wir nehmen das Unglück und die laufenden Untersuchungen sehr ernst und sprechen den Angehörigen unser tiefstes Mitgefühl aus. Gleichzeitig halten wir eine Sperrung weder für verhältnismäßig noch für zielführend. Bei der Suche nach der Unfallursache im Eisbach wurde laut Aussage der Polizei kein  größeres Hindernis gefunden, in dem sich womöglich eine Leash hätte verhaken können. 

Surfen an der Eisbachwelle erfolgte seit jeher, spätestens aber auf Basis der Allgemeinverfügung von  2010, ausdrücklich auf eigene Gefahr; die Stadt war bislang nicht haftbar und wird es auch künftig nicht sein. Dieses Prinzip der Selbstverantwortung hat über Jahrzehnte funktioniert und ist Kern des urbanen  Surfspirits, der München weltweit einzigartig macht. 

Seit 40 Jahren ist die Eisbachwelle im Englischen Garten ein unverwechselbares Symbol Münchener Lebensart – ein Treffpunkt für geübte Surfer*innen und Sportbegeisterte, ein Magnet für Besucher*innen aus aller Welt und ein Ausdruck urbaner Freizeitkultur.  

Die Eisbachwelle ist weit mehr als ein Freizeitangebot. Sie ist: 

  1. Kulturelles Wahrzeichen – seit den 1980er-Jahren verkörpert die Welle Münchens weltoffene, sportlich-kreative Seite. Sie ist integraler Bestandteil des Selbstbildes vieler Münchener*innen – vergleichbar mit dem Viktualienmarkt oder dem FC Bayern. 
  2. Touristenmagnet und authentisches Stadtmarketing – hunderttausende Zuschauer*innen sehen pro Jahr den Surfern zu; laut städtischer Statistik zählt die Eisbachwelle zu den fünf meistfotografierten Orten Münchens. Bilder von Surfer*innen vor klassischer Münchener Kulisse sind längst Teil internationaler Reiseführer – eine kostenlose Werbekampagne für unsere Stadt. Die Bedeutung der Eisbachwelle wird z. B. durch die hohe Anzahl an Besucherbewertungen deutlich:

Tabelle Touristische Attraktionen In Muenchen

Blue 22 Surf Cover

 

  1. Sport- und Nachwuchsförderung – die Eisbachwelle bietet einen niedrigschwelligen Einstieg in eine olympische Disziplin. 
  2. Stadtökonomie & Image – Surfshops, Shaper-Werkstätten, Fahrrad- und Gastronomiebetriebe profitieren direkt; die Schließung gefährdet Arbeitsplätze und schwächt Münchens Ruf als sport- und kulturfreundliche Metropole. 
  3. Nachhaltigkeit & Konsumfreiheit – die Welle ist ein konsumfreier Ort in der Innenstadt: kein Eintritt, keine verpflichtende Gastronomie, keine energieintensive Technik. In einer verdichteten Großstadt mit Deutschlands höchsten Lebenshaltungskosten und zunehmend kommerzialisierten öffentlichen Räumen bietet die Eisbachwelle ein sozial gerechtes Freizeitangebot ohne Kaufzwang und mit minimalem ökologischem Fußabdruck. Die Eisbachwelle bringt Menschen aller Alters- und Einkommensschichten zusammen. 
  4. Vorbildfunktion: München zeigt, wie Sport, Tourismus und Naturschutz im urbanen Raum harmonieren können. Neu errichtete Urban-Surf-Spots von Wien bis Hawaii orientierten sich an den Flusssurfer*innen aus München. 

Unser Appell 

Im Sinne der sportlichen Förderung, der kulturellen Identität unserer Stadt und der lokalen Wirtschaft bitten wir Sie, die bestehenden Beschränkungen umgehend aufzuheben und die „Allgemeinverfügung für das Brettsurfen am Eisbach nördlich der Prinzregentenbrücke“ vom 28.05.2010 wieder in Kraft zu setzen. Sollte die Eisbachwelle nicht umgehend wieder freigegeben werden, bitten wir Sie, uns die Gründe dafür mitzuteilen. Ebenso freuen wir uns über Ihre Einschätzung, welche möglichen Voraussetzungen von Seiten der Stadt München für die Reaktivierung der Allgemeinverfügung von 2010  zu erfüllen sind.

Eine rasche positive Entscheidung würde ein starkes Zeichen setzen: für die Münchener Lebensart, Weltoffenheit und den Mut zu Selbstbestimmung und Eigenverantwortung. Denn die Eisbachwelle steht für Freiheit im öffentlichen Raum — lassen wir sie nicht zu einem weiteren Symbol übermäßiger Reglementierung oder Verbote werden. 

Damit München weiterhin dort Wellen schlägt, wo es weltweit bewundert wird: mitten im Herzen der Stadt. 

Mit freundlichen Grüßen

3610 namentliche Unterzeichner*innen


Die Antwort des Oberbürgermeisters mit nachvollziehbaren Erklärungen zur Sperrung der Welle folgte prompt. Hier ist der Brief im Original.