„Tow In kann jeder“, oder in englischsprachigen Kommentarspalten „tow surfing mushburgers – no respect“. War klar, dass im Zuge der Berichterstattung über den Mega-Swell in Nazaré Mitte letzter Woche die Schreibtischtrolle aus der Versenkung kriechen würden.

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Axi Muniain am Nordhang Nazarés.

Ist ein bisschen so, als würde man sagen, dass Freeskiing an fast vertikalen Nordhängen keinen Respekt verdiene, weil Skifahren ja jeder kann. Oder man würde die Performance einer Belinda Baggs herabwürdigen, weil selbst der Autor dieser Zeilen auf einem Longboard surfen kann. Ganz groß auch die Theorien zu den Kameraperspektiven, die im Wesentlichen darauf abzielen, dass es fast nur Aufnahmen von weit oben und keine Watershots gibt. Angeblich, weil die Wellen dann größer aussehen würden. Interessanterweise kommen diese Theorien und dazu viele sehr herabwürdigende Kommentare zu den Surfern hauptsächlich aus der nordwestlichen Pazifikregion.

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Mittwochmorgen: Die ,,Ruhe'' vor dem Sturm.

Blue Redakteur Tom Frey war an den beiden Swell-Tagen vor Ort und konnte die heiß diskutierten Wellen selbst begutachten (natürlich nur von der sicheren Landperspektive aus).

Sein Fazit sieht so aus:

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Gegen 10 Uhr kam Bewegung rein und die ersten ChargerInnen machten sich bereit.

Die Wellen sind noch viel unfassbarer, als die Bilder und Videos das wiedergeben. Die Energie des Ozeans – in diesem Fall manifestiert in einem 6 Meter Swell mit 20 Sekunden Periode – ist vor Ort körperlich spürbar. Hierbei hilf natürlich, dass die Wellen nicht weit draußen, sondern direkt vor der Klippe brechen und man sehr nah an das Geschehen herankommt. Es gibt wohl nicht viele Big Wave Spots auf der Welt, bei denen man ohne selbst auf dem Wasser zu sein die Wellen so intensiv miterleben kann.

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Früher Nachmittag: Der Swell ist da - Der Wind leider auch.

Das ist bereits bei „kleinerem“ Swell von um die 4 Meter ein Erlebnis, das jedes Mal unzählige Zuschauer aus der Gegend anzieht. Am großen Mittwoch und Donnerstag führte das zu Volksfeststimmung auf der Klippe, mit Massen von staunenden Menschen und hoffnungslos verstopften Zufahrtsstraßen.

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Die Todeszone. Duckdive-Training irgendjemand?

Am Mittwoch gegen Mittag kam der Swell an. Schon weit draußen am Meer zeichneten sich die hochperiodischen Swell-Linien ab. Diese wurden dann vom Canyon und dessen Unterwasserkontur so gebeugt, dass zwei Peaks entstanden, die im 30 Grad Winkel aufeinander zuliefen. Das führte dann zu teilweise bizarren Wellenformationen mit sich kreuzenden Wellen aber eben auch zu den einmaligen wedgey Peaks, die manchmal die doppelte Größe des tatsächlichen Swells erreichen.

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Noch mehr Wasserberge mit Sideshore. Irgendwo dazwischen die Tow-Teams auf der verzweifelten Suche nach einer surfbaren Welle.

Die resultierenden brechenden Wellen sind unglaublich und erreichten ab dem späten Nachmittag selbst für geschulte Surffotografen-Gehirne schwer fassbare Dimensionen. Die Wellen brechen sehr nahe vor der Klippe und durch die sich kreuzenden Swell Richtungen entsteht unterhalb der Klippe eine apokalyptische Todeszone in die man auf keinen Fall hineingeraten sollte. Deswegen wird bei einem Swell mit relevanter Größe jeder Ride auch immer von mindestens zwei Jetskis begleitet, um den Surfer oder die Surferin (Maya Gabeira) bei einem Sturz dort rechtzeitig wieder herauszuholen. Die Fahrer dieser Skis machen bereits einen grenzwertigen Job. Sie haben keinen sicheren Channel wie zum Beispiel in Mavericks und Peahi und navigieren in einem schwer lesbaren Armageddon aus Riesenwellen, Weißwasserwalzen und Strömungen.

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Die Fotomeute und das Armageddon.

Mit Ankunft des Peaks des Swells am Mittwochnachmittag blies leider auch ein sehr kräftiger Sideshore. Die wenigen Tow Teams, die da draußen waren, hatten daher trotz drei Stunden ausdauernder Versuche wenig Erfolg. Insbesondere der starke Wind machte brauchbare Rides unmöglich da der Chop auf der Welle selbst die Jetskis immer wieder aus dem Rhythmus brachte und nicht einmal ein halbwegs kontrolliertes Tow In möglich war.

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Der Peak des Swells kam mit Sonnenuntergang. Laut Vorhersage: 6 Meter mit 20 Sekunden.

Circa eine Stunde vor Sonnenuntergang, als die meisten Teams bereits aufgegeben hatte, schlief der Wind dann plötzlich ein. Es war fast windstill und gleichzeitig kam der Peak des Swells an. Im Gegenlicht der tief stehenden Sonne spielte sich dann ein Spektakel von surrealer Schönheit und gewaltiger Dimension ab, das die verbliebenen Zuschauer auf der Klippe in andächtiges Schweigen verfallen ließ. Und wir reden hier nur von den Wellen, an Surfen dachte da keiner.

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Das Licht schwand. Das Donnern blieb.

Was kaum einer da droben wusste war, dass da noch zwei Teams draußen waren. Und der local Charger Hugo Vau ließ sich dort in die „Big Mama“ Section ziehen zu einem Ride in einer Welle, die die wenigen Zeugen draußen auf dem Wasser als die größte jemals in Nazaré gesurfte Welle bezeichneten. Nur hatte die sonst kaum einer gesehen und trotz des großen Medienaufgebots hauptsächlich von Red Bull gibt es außer einer Filmaufnahme, auf der kaum ein Surfer erkennbar ist, keine für die unvermeidliche Diskussion über die Größe dieser Welle verwertbaren Foto- oder Filmbeleg.

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Am nächsten Tag bauten sich riesige Lines im morgendlichen Dunst auf.

Hugo nahm das relativ gelassen und meinte nur, dass es halt wie früher ist, und nur ein paar deiner Freunde den Ride gesehen haben und bezeugen können.
Donnerstag sollte dann Swell nachlaufen und der Wind günstiger sein. Nach einem enttäuschenden Morgen drehte der Atlantik dann am späten Vormittag noch einmal mächtig auf und ließ erneut enorme Wellenberge über den Canyon laufen. Der Wind war ein leichter Sideoffshore und die Bedingungen waren perfekt. Nicht zum Surfen, denn das war bei der Größe dieser Wellen und den shiftenden Peaks schlichtweg nicht möglich, sondern perfekt zum Tow Surfen.

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Mushburger...

Die europäische Big Wave / Tow In Elite mit Axi Munian, Benjamin Sanchis, Hugo Vau, Sebastian Steudtner, Eric Rebiere, verstärkt mit Maya Gabeira und Ross Clarke Jones war nun draußen und zeigte, wie man diese Wellen (tow) surft. Wieder sahen die Wellen aus wie von einem halluzinierenden Cartoon Zeichner hingepinselt. Ein permanentes Donnern lag in der Luft. Gischt Fahnen stiegen meterhoch in die Luft und blieben minutenlang dort hängen. Das Gehirn des Zuschauers beschwerte sich bei den Sinnesorganen, dass die bitte aufhören sollten es zu verarschen. Die Dimensionen passten einfach nicht zusammen.

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Sebastian Steudtner würde im Sommer in Moliets unter den Studenten auf dem Teich wohl nicht weiter auffallen. Auf dem Tow-Board in Nazaré zieht er dagegen mit die besten Lines.

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Steudtner gilt nicht umsonst als einer der Besten hier.

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Ross Clarke-Jones auf dem südlichen Peak vor den Felsen.

Einige der Rides, die die Jungs und das Mädel in diese Wellenberge haarscharf entlang apokalyptischer Weißwasserexplosionen zogen, waren unglaublich und gerade unser Nicht-Surfer Sebastian Steudner zog dabei ein paar irre Lines. All die nun publizierten Fotos und Videos geben dabei nicht einmal annähernd mit, mit welcher Wucht und Energie die Wellen hier brechen und was für Ritte auf der Rasierklinge die Crews da draußen zelebrieren. Natürlich hat das mit Surfen noch so viel zu tun wie Freestyle Motocross mit BMX radeln. Aber die Männer und die Frau das draußen verdienen allen Respekt für das, was sie dort leisten. 

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Unidentified - going right!

Wie groß die Wellen nun waren? Keine Ahnung. Sicher größer als die meisten von uns sich das vorstellen können. Zu den Verschwörungstheorien wegen der Kameraperspektiven sei noch dies gesagt: Ein Blick in des alte Schulheft aus der 5. Klasse zur konstruktiven Geometrie würde die Erkenntnis bringen, dass Objekte von einem hohen Standpunkt aus kleiner wirken als von einem tiefen Standpunkt aus.

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Wer sich hier ernsthaft noch fragt, warum es keine Watershots gibt, muss sich die Welle live anschauen.

Watershots gibt es aus folgendem Grund keine: Medienboote (die nicht vorhanden waren) können sich nur südlich der Klippe halbwegs gefahrlos aufhalten. Und von dort aus ist nur der linke Peak einsehbar, der wegen seiner gefährlichen Nähe zur Klippe so gut wie nie gesurft wird. Nördlich der Klippe müsste jeder Fotograf / Filmer sich in der Todeszone aus explodierenden Riesenwellen, Weißwassermonstern und wilden Strömungen aufhalten um die gewünschte Perspektive in die Welle zu bekommen. An den beiden Tagen mit dem dicken Swell unmöglich.
So viele der Aufnahmen werden von weit oben auf der Klippe aus gemacht, weil man nur dort freie Sicht auf die Rides hat. Weiter unten ist entweder die vorher laufende Welle im Blickfeld oder die Gischt verdeckt jede Sicht.

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Fast zu groß für's Weitwinkel-Objektiv.

Aber vielleicht ist ja der wahre Grund für die echt giftigen Kommentare der Leser auf Surfer Magazin und Co. ja die Tatsache, dass die Welle nicht in „Gods own Country“ liegt.
Versuch dir einmal im Leben selber ein Bild von Nazaré zu machen. Es lohnt sich. Bis dahin muss die Fotostrecke hier helfen, die chronologisch das Geschehen der beiden Tage abbildet. Aber lass dich nicht täuschen. In Echt ist das alles noch viel gewaltiger.

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Credits

Photography: Tom Frey