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Die vergessene Weltmeisterin - Pauline Menczer schwamm ihr Leben lang stromaufwärts. Auf eigene Faust kämpfte sie sich durch eine von beispiellosem Sexismus geprägte Laufbahn, die sie 1993 mit dem Weltmeister-Titel krönte – um dann in Vergessenheit zu geraten. Fast zwei Jahrzehnte später rollt sie ihre Geschichte voller Rückschläge und Tabubrüche im Gespräch mit unserem Autor Alistair Klinkenberg neu auf.

Dieser Artikel erschien im BLUE Yearbook 2021. Gedruckt lesen sich solche Geschichten immer noch am besten. Das über 180 Seiten dicke Coffee Table Magazine kannst du ganz bequem in unserem Webshop kaufen!

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Die Story über Pauline ist aktueller denn je. Pauline ist eine Protagonistin im Film GIRLS CAN'T SURF, der aktuell auf der SURF FILM NACHT durch Deutschland, Österreich und die Schweiz tourt. Eine sehenswerte Doku über das Frauensurfen der 80er und 90er Jahre. Den Trailer und alle Termine der Tour findest du hier. Und auf Instram kannst du sogar Freikarten gewinnen.


„In den 80er Jahren war Sydney ein richtig hartes Pflaster“, grinst Pauline, während ihr Blick aus dem Wohnzimmerfenster über den noblen Vorort im Osten Sydneys schweift. „Diese Gegend wurde früher als ‚Scum Valley‘ bezeichnet. Hier wurde der gesellschaftliche Abschaum geparkt – oder eben die Mittellosen. Wie meine Mutter, die hier als alleinerziehende Frührentnerin gelandet ist. Sie hat wirklich alles dafür getan, dass es uns gut geht. Und wir sind praktisch am Bronte Beach aufgewachsen, wo sie für unser Glück nichts draufzahlen musste.“

Pauline strahlt, wenn sie an die Findigkeit ihrer Mutter zurückdenkt, die allen Widrigkeiten zum Trotz immer eine Idee parat hatte. „Meine Mutter war ein Tausendsassa“, erklärt sie. „Es gab nichts, was sie nicht reparieren, umbauen oder irgendwie zu Geld machen konnte.

"Teilnahmegebühren für lokale Contests haben wir zum Beispiel finanziert, indem wir an Sperrmülltagen brauchbares Gerümpel einsammelten, reparierten und dann auf Flohmärkten weiterverkauften.“

Mit 14 Jahren stand Pauline das erste Mal auf einer Welle. Es dauerte nicht lange, bis ihr unmissverständlich klar gemacht wurde, dass sie im Wasser nicht willkommen war. „1984 hat es begonnen. Als Kind wurde ich wenigstens noch ignoriert, doch spätestens als Teenager habe ich vieles über mich ergehen lassen müssen. Jede Welle war umkämpft, und die Vibes waren beschissen. Nicht unbedingt, weil nur Arschlöcher im Lineup waren, doch weil die Arschlöcher am meisten Eindruck hinterließen.“

Pauline Dias

Life of Pauline. Bei den Worldtour-Events der Nullerjahre mussten Pauline und die anderen Athletinnen in den miesesten Bedingungen rauspaddeln, und das auf einer Tour, die ohnehin zum Großteil in beschissenen Beachbreaks stattfand.

Die Anfeindungen erwachsener Männer im Wasser machten ihr jedoch weniger aus als ihre seltene Form von Arthritis. Nicht die Art, die sich mit zunehmendem Alter einschleicht, sondern systemische juvenile Arthritis. Bei dieser Autoimmunerkrankung wird ein Übermaß weißer Blutkörperchen gebildet, die sich letztendlich gegen die eigenen Zellen wenden. 

„Schon als Kind bin ich oft mit geschwollenen Knien und Knöcheln aufgewacht. Ich habe dann versucht, mich durchzubeißen“, erzählt Pauline. „Meine Mutter war völlig verwirrt und dachte, dass meine Brüder einfach zu grob mit mir wären. Doch ihr dämmerte schnell, dass etwas nicht stimmte und ging mit mir zum Arzt. Von da an gab es nur noch Pillen, Pillen, Pillen.“

Es war wiederum ihre Mutter, die ihr beibrachte, mit diesem Schicksalsschlag umzugehen. Die chronischen Schmerzen und steifen Gelenke nahm Pauline zum Anlass, an ihrer Technik zu feilen. „Die Leute nannten meinen Cutback immer den ‚Stiff-Neck-Pauline-Menczer-Cutback‘,“ erinnert sie sich lachend. „Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass ich meinen Stil voll und ganz meiner Arthritis zu verdanken habe. Mein Nacken war schon immer wie eingegipst. Es blieb mir nichts anderes übrig, als es mit überdrehter Oberkörperrotation auszugleichen. Gezwungenermaßen aus der Hüfte und den Schultern heraus zu surfen, gab mir wohl genau den technischen Vorsprung, den ich brauchte.“

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„Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass ich meinen Stil voll und ganz meiner Arthritis zu verdanken habe. Mein Nacken war schon immer wie eingegipst.“

So ging Familie Menczer immer häufiger auf Sperrmülljagd, um Contestgebühren zu finanzieren, während Pauline alles abräumte, was es bei den lokalen und nationalen Wettkämpfen zu holen gab. Ihr steifes, präzises Surfen katapultierte sie im Rekordtempo auf die ganz große Bühne. Die ASP-Tour, dachte Pauline, sei ein professionelles Schlaraffenland, das aus Sponsorengeldern, fairen Judges und perfekten Wellen bestand. Doch es war genau das Gegenteil.

„Meine erste World-Tour-Erfahrung war der ‚Beaurepairs Contest' in Bondi. Ein ziemlich pompöser Event, der mir völlig falsche Hoffnungen machte“, gibt Pauline zu. „Die Realität war weit davon entfernt. Selbst auf diesem höchsten Niveau hat sich für mich praktisch nichts geändert. Ich musste genauso weiterleben, wie ich aufgewachsen war.“ Soll heißen, sie gaunerte sich von einem Tourstopp zum nächsten und hielt sich mit ausgekochten Deals gerade so über Wasser. „Levi’s-Jeans-Großeinkäufe in den USA, um sie für das Zigfache in Frankreich zu verscherbeln. Oder palettenweise Cola-Flaschen aus dem Wettkampfzelt des ‚Coke Classics‘ schleusen, um so meinem Reisebudget den nötigen Push zu geben.

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"Vor allem war es aber die Unterstützung von Freunden und Fremden, die zu Freunden wurden, die mir die Weltreisen auf Schmalspur-Budget überhaupt erst ermöglichten.“

Erst mal angekommen, wurde es während der Wettkämpfe auch nicht einfacher – denn der Sexismus auf der Tour der 80er und 90er Jahre hatte System. Im Grunde war die Weltmeisterschaft der Frauen bestenfalls eine vernachlässigte Sideshow. Unterstützung der Männer war nicht zu erwarten. Im Gegenteil. Sie machten keinen Hehl daraus, in den Frauen eine Bedrohung ihrer Einkünfte zu sehen, und ließen keine Gelegenheit aus, die Women’s World Tour durch den Dreck zu ziehen.

So wurde regelmäßig dafür gesorgt, dass Pauline und die anderen Athletinnen in den miesesten Bedingungen rauspaddeln mussten – und das auf einer Tour, die ohnehin zum Großteil in beschissenen Beachbreaks stattfand.

„Aus heutiger Sicht wirken diese Anfeindungen fast schon absurd. Der Sexismus war nicht mal angedeutet, sondern offen und selbstverständlich. Es gibt genügend Zitate aus der Zeit, die belegen, um wen es hier geht. Und ganz ehrlich: Scheiß’ auf sie!“

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Den jämmerlichen Figuren, die auf der falschen Seite der Geschichte standen, würdigt Pauline keines weiteren Wortes. Sie erinnert sich lieber an die Ausnahmen: „Barton Lynch zum Beispiel! Er konnte es nicht fassen, dass ich den Weltmeistertitel ohne Sponsorsticker auf dem Board gewann. Er ging sogar so weit, seinen eigenen Sponsor davon zu überzeugen, mich zu unterstützen. Immerhin war so ein Jahr Support für mich drin, bevor sie mir ohne Vorwarnung den Vertrag kürzten“, knurrt sie und verdreht das Gesicht.

Über ihren Title-Run 1993 könnte man ein ganzes Buch schreiben, doch ein Moment im Vorfeld des finalen Sunset-Events sticht heraus. Pauline springt auf und schlurft durch ihr Wohnzimmer. Ihre Arme schräg angewinkelt, ihr Rücken gebeugt. Mit krummen Beinen steht sie dramatisch verkrampft vor mir und demonstriert ihren Bewegungsradius kurz vor ihrem ersten Heat. „Arthritis ist eine sehr emotionale Krankheit und kommt in Schüben. Du kannst dir in etwa vorstellen, was so ein aufreibender Titelkampf dann mit dir anstellt.“

Pauline Party

Pauline beichtet, dass sie ohne die Unterstützung ihres Coaches und ihrer Mutter wahrscheinlich gar nicht erst in den Flieger nach Hawaii gestiegen wäre. „‚Schau doch einfach, wie es läuft, Pauls,‘ sagten sie ständig. Wie es letztendlich lief? Ich machte meine Takeoffs mit geballten Fäusten auf dem Deck, weil ich meine Hände einfach nicht entkrampft bekam. Aber Adrenalin ist schon unglaublich. Ich schleppte mich mit Mühe und Not zur Wasserkante, surfte meine Heats, als wäre nie etwas gewesen, und humpelte dann wieder über den Strand zurück – bis aufs Podium und zum Titel!“

Pauline wurde also auf eigene Faust Weltmeisterin. Doch selbst der Titel brachte kaum finanzielle Entlastung.

So trickste sie sich noch ein weiteres Jahrzehnt mit der Tour um die Welt und beendete ihre Karriere letztendlich mit 20 WCT- und 8 WQS-Eventsiegen, als Worldchamp und WQS-Siegerin. Ein Rekord, der nur von Layne Beachley übertroffen wurde. 

„Meine professionelle Geschichte endete, wie sie begann – Arthritis-bedingt. Ich traf so verkrüppelt in Frankreich ein, dass mich meine damalige Freundin stützen musste. Sie hat mich auf einem Skateboard durch die Gegend gekarrt. Versucht habe ich es trotzdem, doch letztendlich war es zu viel. Meine Ersparnisse waren aufgebraucht, ich konnte mich nicht wieder qualifizieren, also bin ich einfach still und leise gegangen.“

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Pauline war eine Kämpferin beim Roxy Tavarua Pro, Mai 2001.

Auch nach der Tour machte Pauline ihre Gesundheit schwer zu schaffen. Doch in ihrer unnachahmlichen Art fand sie auch in dieser Umstellung das Positive: „Ich konnte ohnehin nicht mehr surfen. Das hat es mir relativ leicht gemacht,“, lächelt sie die harten Zeiten weg. Sie nahm einen Job als Schulbusfahrerin an und freut sich besonders, wenn sie surfende Kids an Bord hat. 

Als sie 2019 von der „Equal Pay“-Maßnahme der WSL erfuhr, war sie allein im Schulbus unterwegs. „Ich fuhr gerade zum Ocean-Shores-Hügel und hielt an der Spitze mit Blick auf Mount Chincogan. Es ist einer meiner Lieblingsplätze und genau die richtige Bühne für Freudenschreie, doch dieser Tag war wirklich etwas Besonderes.

Ich rief meine alten Mitstreiterinnen an – Pam (Burridge) und Jodie (Cooper) – und wir weinten vor Glück. Nach dieser ganzen Scheiße, die wir durchgemacht hatten, war es fast zu schön, um wahr zu sein. Und unser nächster Gedanke war: Sollen wir es nicht noch mal versuchen?“

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Alle Fotos: Jeff Flindt (the man "whose passport looks like something James Bond would carry")