Sengende Mittagshitze. Die Luft steht auf dem Marktplatz von La Libertad, vermischt mit dem Geruch von fahlem Schweiß und Hundepisse. Zwischen Obst- und Frijoleständen stehlen ein paar traurige Köter umher, immer auf der Suche nach ein paar Brocken. Sie lösen sich aus den Schatten, einer hungriger als der nächste. Muss wohl bald wieder ein „Fleischtag“ anstehen.

Die Stadtregierung streut hier regelmäßig vergiftetes Fleisch aus, um die Zahl der streunenden Hunde irgendwie in Schach zu halten. Ein paar Kinder laufen einem alten Fussball hinterher, während vor uns ein paar dünne, alte Männer in gemäßigtem Schritt vorbeischlendern. Eine Gruppe junger Grazien hält in unmittelbarer Nähe vor uns an einer Eisbude inne, doch sie würdigen uns keines Blickes. Im Schatten einer Pupusa-Bude (das sind die leckeren - mit Käse oder Fleischgefüllten Tortillas) bestellt uns Erik, mein langjähriger Reisekumpel, noch ein Pilsener und wir tauschen ein verstohlenes Grinsen aus. Da wären wir also wieder, in El Salvador, dem Land in dem wir uns vor vielen Jahren kennengelernt haben. Draußen am Point. An der legendären Welle von Punta Roca, der vielleicht besten Rechtswelle Mittelamerikas.

El Salvador Punta Roca
Punta Roca: The Queen of the (other) coast.

Wer einmal Punta Roca bei einem guten Swell erwischt hat, den läßt die Erinnerung nicht mehr los. In ihrer Perfektion kann es diese Welle durchaus mit Rincon, ihrer Kaltwasserschwester im Süden Kaliforniens, aufnehmen. Überhaupt ist El Salvador so etwas wie eine warme Santa Barbara County. Beide Küsten zeigen geografisch gen Südosten und besitzen eine stolze Anzahl perfekter Right Points. Mit dem Unterschied, dass im Sommer in Santa Barbara auf Grund der vorgelagerten Channel Islands überhaupt keine Südswells brechen. In El Salvador hingegen brechen die Wellen das ganze Jahr über.

El Salvador Hafen
Die verschlungene Küstenlinie bietet immer wieder Platz für sichere Häfen.

Der legendäre Right Point von La Libertad erhielt den Namen ,Punta Roca’ von Kevin Naughton und Craig Peterson,  zwei kalifornischen Surfern der ersten Stunde, die den Spot 1972 auf ihrer Weltreise ‚entdeckten’ und anschließend im „Surfer Magazine“ dokumentierten. Auf Spanisch sind mit „Roca“ natürlich die scharfen Steine gemeint, die den kompletten Point säumen. Diese Steine haben es in sich und es vergeht kaum eine Session, in denen deine Füße ungeschoren davon kommen. Selbst ein paar der hiesigen Locals surfen daher ausschließlich mit Booties. Vorsicht ist auch im Line-up geboten, denn kurz nach dem Take-off stößt man auf den so genannten „Mama-Rock“, einen riesigen Stein, der je nach Tide aus dem Wasser ragt und der unbedingt umsurft werden muss. Ich weiß noch genau, wie mein Kumpel Erik nichts ahnend direkt über dieser Mutter aller Rocas saß und die aufsteigende Welle plötzlich den Stein freilegte. Drei Reparatur-Tage später hatte sein Brett immer noch zahllose Löcher.

El Salvador Locals
Vierzig Jahre Surfhistorie haben eine hardcore Localszene geschaffen. Daher: schön hinten anstelllen!

Doch auch an Land bietet Punta Roca reichlich Gefahren. Auf dem Weg zum Point passiert man den alten Friedhof der Stadt, in dem häufig Banditos den Touristen auflauern. Auf meinem letzten Trip erzählte mir Bob Rotterham, der Inhaber des „Punta Roca“, dem ältesten und besten Restaurant am Point, dass zumindest der übelste aller Friedhof-Gauner festgenommen wurde. Er  hatte es diesmal zu weit getrieben, als er der Freundin eines englischen Surfers die flache Seite seiner Machete in den Hinterkopf gerammt hatte um ihre Videokamera zu klauen. Fast alle reisenden Surfer, die du in La Libertad kennen lernst, können dir ähnliche Geschichten erzählen. In Mittelamerika, gibt es ein Sprichwort, das besagt: „Wenn du nicht arm bist, bist du reich.“ Nirgendwo trifft das leider mehr zu als in El Salvador. Das Land ist elendig arm. Bob Rottherham erzählte weiter: „Während der späten Siebziger erlebte Punta Roca seine Glanzzeit. Alle berühmten Surfer dieser Zeit waren da, von Bill Hamilton und Gerry Lopez bis zu George Greenough. Aber als hier Anfang der Achtziger der Bürgerkrieg ausbrach, wurde es still am Point. Bestenfalls am Wochenende kamen die Regierungstruppen, um sich vom Krieg zu erholen, und am Nachbartisch saßen die Guerillas und tranken friedlich ihr Bier. Montagmorgens waren sie dann beide wieder in den Bergen. „Hey, jeder braucht mal eine Verschnaufspause!“

Zwölf Jahre dauerte dieser Bürgerkrieg an, und das Land hat sich bis heute nicht von den Folgen erholt. An die Stelle der Revolutionäre traten die berüchtigten „Maras“, die brutalen Straßengangs, die mit Hilfe des Drogenschmuggels weite Teile des Landes kontrollieren. Nach letzten Schätzungen der Polizei zählen bis zu 50000 Mitglieder zu den zwei verfeindeten Gangs, den Salvatruchas und der Mara 18.  Bei sechs Millionen Einwohnern gleicht das einer regelrechten Epidemie. In La Libertad merkt man tagsüber nicht viel von den Gangs, aber nachts sollte man sich nicht weit von seinem Hotel entfernen.

El Salvador Punta Roca Msw
El Salvadors Surf-Romantik.

Wer mehr von El Salvador sehen will, als bloß die Welle von Libertad, braucht  ein Auto. Das Autofahren ist hier übrigens, im Gegensatz zu weiten Teilen Mittelamerikas, recht sicher. Von La Libertad aus gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man biegt am Ortsausgang rechts ab, Richtung „Oriente Salvaje“, dem wilden, relativ unerforschten Osten des Landes. Die Breaks dort sind sehr versteckt, allen voran Punta Mango, eine tubige Rechtswelle, die man am besten per Boot von Las Flores aus erreicht. Wer über etwas mehr Zeit verfügt, für den lohnt sich ein Abstecher nach Osten. Oder man biegt an besagtem Ortsschild nach Westen ab. Nur zehn Minuten entfernt von La Libertad liegt Zunzal. In Zunzal, einem weiteren Right Point, bricht immer irgendwas, und neuerdings kann man dort auch ganz gut übernachten. Ein paar Kilometer weiter Richtung Westen wären noch El Zonte und K 59 zu erwähnen, zwei sehr schnelle, tubige Right Points. Am Strand von El Zonte findest du außerdem das ‚Esencia Nativa‘, eine sehr idyllisch angelegte Herberge, in der Traveler aus aller Welt bei leckerem Essen und guten Drinks zusammen finden.

Aus der Surfperspektive betrachtet, ist die vielleicht positivste Entwicklung, die mir auf meinem letzten Trip nach El Salvador auffiel, dass sich die jungen Locals mit viel Style und Hingabe dem Sport widmen. In Punta Roca gibt es ein paar außerordentlich gute, junge Surfer und sie freuen sich über jede Form von Support. Das Land mag zwar von Bürgerkrieg, Gangs und Drogenschmuggel gezeichnet sein, aber das hat der Welle in Libertad nicht weiter beeindruckt. Die neue Generation weiß um den Schatz in ihrer Stadt und sie ist bereit, ihn mit dir zu teilen, so fern du dieser Tropenkönigin und ihren Locals mit Freundlichkeit und Respekt gegenübertrittst. Mit etwas Glück warten auf dich dann Right Tubes, von denen du Jahre später noch träumen wirst.

Beste Reisezeit

Regenzeit: März bis Oktober; Trockenzeit: Dezember bis April; Sommersaison: März bis September, Peak SW-Swellsaison: Juni, Juli, August (große, sehr konstante Swells); Wintersaison: Oktober bis Februar, nur kleinere SW-Swells

Tipps

Nightlife: La Libertad: Durch die hohe Straßenkriminalität gibt es so gut wie kein Nachtleben mehr.

Gutes Hotel: Esencia Nativa in El Zonte mit Bar und gutem Party-Ambiente. Viele junge, internationale Traveler.

Gefahren: Im Wasser: scharfe Steine an vielen Points. An Land: Strassengauner und Gangs. Überfallgefahr. Daher auch tagsüber Augen offen halten. Besonders die Innenstadt von San Salvador und den gesamten Bereich um den Busbahnhof gilt es strikt zu meiden.

Unbedingt einpacken

Extra Leashes, Wax, Brettreparaturmaterial. Im Sommer: Lycra wegen der starken Sonne.

Guter Brettreparturservice in La Libertad.

Unterkunft

In La Libertad: Hotel Don Rodrigo (15-20 $)

Billige Unterkunft: Hotel Rick 7-10 $/Nacht, gutes Essen: Restaurant ‚Punta Roca’.

In El Zonte: Hotel Esencia Nativa: sehr schönes Hotel/Herberge, bietet gutes Restaurant und Nachtleben, 15-20 $/Nacht;

im Westen des Landes, in der Nähe von Barra de Santiago: Ximenasguesthouse.

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Credits: 

Text: Robin York

Fotos: Tony Roberts, DJ Strunz